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Sollen Bewohnern der Seniorenwohnheime ein Lächeln ins Gesicht zaubern: 930 selbstgemalte  Bilder haben Frauen und Kinder der Ahmadiyya Gemeinde der Martin-Luther-Stiftung übergeben. In den vergangenen Wochen haben die Frauen 550 Masken sowie zahlreiche Kittel für Senioren, ihre Besucher und das Pflegepersonal genäht.

Schon über 50 Kittel und 1000 Masken genäht

Frauengruppe der Ahmadiyya Gemeinde näht Masken und Kittel für Martin Luther Stiftung - Kreative Aktion soll Freude machen

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Das Rattern der Nähmaschinen ist bereits von draußen zu hören. Die Tür des provisorischen Nähstudios sperrangelweit geöffnet: Dort, wo eigentlich die Veranstaltungen der Anton-Calaminus-Wohnanlage stattfinden, haben sich am Mittwoch neun Frauen versammelt.

Mit und ohne Kopftuch, dafür aber alle mit Maske stehen sie an Tischen und schneiden Stoffe zu, glätten diese am Bügelbrett oder führen die Zuschnitte durch den Stoffschieber der Nähmaschine. Über 50 Kittel sowie an die 1000 Masken haben die ehrenamtlichen Helferinnen des Fördervereins der Vereinten Martin Luther und Althanauer Hospital Stiftung hier bereits gemeinsam mit der Frauen-Gruppe der Ahmadiyya Gemeinde genäht. Die Schutzkleidung soll den Bewohnern und Pflegern der Seniorenwohneinrichtungen zu Gute kommen.

Jeder will seinen Teil zur Krisenbewältigung beitragen

Den Kontakt zwischen beiden Gruppen hatte Sylvie Janka von der Initiative „Menschen in Hanau“ hergestellt. An sie hatte sich die Frauengruppe der Ahmadiyya Gemeinde nämlich gewendet, um ihre Hilfe anzubieten. „Wir verstehen uns als Netzwerker für soziale Projekte in der Stadt“, sagt Janka. Die Corona-Krise zeigt laut ihr vor allem eines: „Integration funktioniert momentan ganz ausgezeichnet“, sagt Janka. „Jeder bietet seine Hilfe an und trägt seinen Teil dazu bei, dass die Krise bewältigt werden kann.“ 

Etwa 18 Frauen der muslimischen Gemeinde hatten bereits Anfang März in Eigenregie Masken zu Hause genäht und im privaten Umfeld sowie an verschiedene Seniorenheime in der Region verteilt. „Für uns ist das Projekt eine tolle Möglichkeit, nicht an die eigenen Bedürfnisse zu denken und ohne Lohn zum Wohlgefallen Gottes etwas für andere Menschen zu tun“, sagt Hamda Mustafa. „Wir haben hier vor allem die Stoffe geschnitten und das Meiste wurde zu Hause genäht“, sagt sie. „Damit es hier nicht zu voll wird. Viele haben ja auch Angst, sich anzustecken.“

Stiftung hatte Probleme, Schutzkleidung zu bekommen

Dennoch sei die Zusammenarbeit auch für die Musliminnen eine tolle Erfahrung: „Wir wissen das gegenseitige Vertrauen sehr zu schätzen“, sagt Hamda Mustafa. Die junge Muslima engagiert sich in ihrer Gemeinde für den interreligiösen Dialog und hat die freiwilligen Helferinnen koordiniert. Die Arbeit der Näherinnen habe für die Stiftung eine erhebliche Bedeutung. „Das Projekt ist eigentlich aus der Not heraus entstanden, weil wir Probleme damit hatten, Mund-Nase-Schutz oder entsprechende Schutzkleidung zu bekommen“, sagt Thorsten Hitzel, der Geschäftsführer der Vereinten Martin Luther Stiftung.

Schneiderin stellt Schnittmuster bereit: Nicht alle ehrenamtlichen Helferinnen konnten mit der Nähmaschine umgehen, mittlerweile sind sie Profis im Maskennähen.

„Die Frauen haben uns über die ersten Hürden hinweggeholfen.“ Die Stiftung habe frühzeitig versucht, entsprechendes Material von chinesischen Herstellern zu bekommen. Das sei aber auch heute noch wegen der erhöhten Nachfrage schwierig. „Wenn etwas nach Deutschland kommt, wird es händerringend im Gesundheitssystem gebraucht“, so Hitzel. „Daher sind wir von tiefstem Herzen dankbar, dass sich so viele Helferinnen bereit erklärt haben, zum Schutz der Bewohner und Mitarbeiter zu nähen.“ 

Einrichtung mit eigenem Corona-Krisenstab

Um die Versorgungslage sicherzustellen und einen eventuellen Covid-19-Ausbruch schnell in den Griff zu bekommen, habe die diakonische Einrichtung früh interveniert. „Wir haben einen Krisenstab gebildet, der alle zwei Tage tagt und Entscheidungen trifft, wie einzelne Dinge in der aktuellen Bedrohung durch Corona zu handhaben sind“, so Hitzel. Knapp ein Dutzend der 1300 Bewohner hatten sich auch in verschiedenen Eirichtungen des Vereins mit Covid-19 angesteckt, elf davon im Haus St. Elisabeth in Hanau.

Dankbar für die Hilfsbereitschaft: Thorsten Hitzel, der Geschäftsführer der Martin Luther Stiftung, freut sich über die Unterstützung der Musliminnen.

„Wir mussten eine Etage unter Quarantäne stellen“, sagt Hitzel. „Wir sind sehr froh, dass wir den Peak bewältigt haben und die Erkrankungen schnell eingrenzen konnten. Vier der erkrankten Bewohner sind leider verstorben.“ In den verschiedenen Einrichtungen waren auch insgesamt sechs Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt. Sowohl für die Mitarbeiter, als auch für die Senioren bedeute das eine enorme psychische Belastung.

Aufmunternde Bilder sollen Freude schenken

Daher haben sich die Frauen der Ahmadiyya Gemeinde etwas besonderes einfallen lassen: Um den Senioren eine Freude zu machen, haben sie zusammen mit den Kindern der Gemeinde aufmunternde Bilder gemalt. Auf ihnen sind sogar das Hanauer Rathaus mit Brüder-Grimm-Denkmal, das Brandenburger Tor sowie allerlei Naturmotive zu sehen. Über 900 Bilder können so am Mittwoch der Martin Luther Stifung übergeben werden.

Dass so viele Bilder zusammenkommen, hat auch Hamda Mustafa überrascht, die das bundesweite Projekt der Ahmadiyya Gemeinden „Ich male dir ein Bild“ in ihrer Frauengruppe in Hanau koordiniert hat. „Wir dachten, dass es vielleicht höchstens 400 Bilder werden, aber die Kinder und Frauen waren sehr fleißig.“ 

Schneiderin gibt Crashkurs an der Nähmaschine

Gleiches gilt auch für Irene Haase und Barbara Aumann. Die beiden Frauen engagieren sich im Förderverein der Stiftung und haben zahlreiche Masken und Kittel genäht. „Die Masken waren einfach, die haben wir mit Anleitung gleich hingekriegt“, sagt Barbara Aumann und lacht. Wie man mit der Nähmaschine richtig umgeht, mussten die beiden ehrenamtlichen Helferinnen erst noch lernen. „Die Kittel zu nähen war da schon komplizierter. Da haben wir aber von der Schneiderin, die uns gezeigt hat, wie die Nähmaschine funktioniert, Schnittmuster bekommen“, sagt sie.

„Die Masken waren einfach“: Irene Haase (links) und Barbara Aumann engagieren sich im Förderverein der Martin-Luther-Stiftung und haben fleißig mitgenäht.

„Immer einfach gerade runternähen, hat sie immer gesagt“, sagt Haase und lacht. „Das hat echt Spaß gemacht. Einen riesigen Stoffballen haben wir schon verarbeitet. Die Masken und Kittel sind alle schon in Gebrauch.“ Der Stoff stammt größtenteils von den Senioren selbst, sagt Angelika Bischoff, die als Hygienefachkraft der Stiftung das Nähprojekt in den Räumlichkeiten der Einrichtung koordiniert. „Wir haben einen Rundruf in den Einrichtungen gestartet und die Bewohner haben uns mit ausrangierten Tischtüchern und Bettlaken versorgt“, sagt sie. „Wir bräuchten allerdings noch Stoff, denn unsere Reserven gehen zur Neige.“ Mindestens bis der Raum in der Lothringer Straße wieder für Veranstaltungen genutzt werden kann, soll das Projekt weiterlaufen.

Helfer gesucht

Wer Stoffe oder Gummibänder spenden möchte, kann sich telefonisch unter der Nummer 0 61 81/2 90 21 45 bei Angelika Bischoff melden. Weitere Informationen, auch zu den Projekten der Initiative „Menschen in Hanau“ und zur Vereinten Martin Luther Stiftung gibt es im Internet.

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