Wir haben mit Said Etris Hashemi gesprochen
+
Wir haben mit Said Etris Hashemi gesprochen

19. Februar

Anschlag in Hanau: Said Etris Hashemi verlor seinen Bruder: „Hanau darf sich nicht wiederholen“

  • Yvonne Backhaus-Arnold
    vonYvonne Backhaus-Arnold
    schließen

Am 19. Februar jährt sich der Anschlag in Hanau zum ersten Mal. Said Etris Hashemi hat ihn verletzt überlebt, aber seinen Bruder verloren. Kein Tag vergeht, an dem Said Etris nicht an die Tatnacht denkt.

Hanau – Es gibt Opfer. Und Überlebende. Said Etris Hashemi ist beides. Vor allem aber ist der junge Mann mit den sanften Augen ein Kämpfer. Für das Leben. Für die Zukunft. Stark sein will er, sich nicht in die Knie zwingen lassen, zeigen, dass es weitergeht. Der 24-Jährige will wieder gesund werden, wieder boxen und joggen gehen können ohne Schmerzen.

Es gibt keinen Tag, an dem Said Etris nicht an den 19. Februar 2020 denkt. Hunderte, vielleicht sogar Tausende Male ist er ihn in Gedanken durchgegangen, den Abend, die Nacht. Nachmittags waren sie in Frankfurt auf der Zeil unterwegs, die beiden Brüder Said Etris und Said Nesar. Dann schnell nach Hause, danach in die Arena Bar. Der Fußweg dauert keine zwei Minuten. Said Etris geht vor, sein Bruder kommt zehn Minuten später nach. Die Arena Bar ist einer der Treffpunkte am Kurt-Schumacher-Platz, im Winter sowieso. Man kennt sich hier, viele von klein auf. Hamza ist da, Momo, Peter. Es ist voll an dem Abend. Im Fernsehen läuft Champions League. Tottenham spielt.

Anschlag in Hanau: Bruder eines Opfers berichtet – Erinnerung an die Tatnacht

In der Pause kommt das bestellte Essen. Sie sitzen im Kreis zusammen. Plötzlich fallen Schüsse vor der Tür. „Das hört sich nicht gut an“, sagt Said Etris Hashemi noch. Dann bricht Chaos aus. Im angeschlossenen Kiosk wird geschossen. Dann sieht er den Täter in die Bar kommen. Mütze, Bomberjacke, in der Hand eine Waffe „mit einem echt langen Magazin“. Sie verstecken sich hinter einer Säule. Said Etris vorn, die anderen dahinter. Sie wissen, dass der Notausgang verschlossen ist. Das weiß hier jeder. Es gibt keinen Ausweg. Der Attentäter schießt, „zeigt die Zähne… wie ein wildes Tier“. Schießt wieder. „Man versucht auszuweichen und merkt gar nicht, dass man selbst getroffen ist“, sagt Said Etris. Sie kriechen unter die Theke. Momo kauert neben ihm. Der Täter geht, kommt wieder, schießt so lange weiter, bis sein Magazin leer ist. Dann verlässt er die Arena Bar.

Bewegend: Auf der zentralen Trauerfeier im CPH spricht Saida Hashemi, zu den vielen Hundert Gästen. Ihr Bruder ist einen Tag zuvor aus dem Krankenhaus entlassen worden.

Said Etris Hashemi holt sein Handy aus der Tasche, versucht, die Polizei anzurufen. „Die sind beim ersten Mal nicht rangegangen. Beim zweiten Mal auch nicht. Beim dritten Mal habe ich dann 112 gewählt. Da ist dann endlich jemand rangegangen. Ich habe gesagt, dass es Schüsse am Kurt-Schumacher-Platz 10 in Hanau-Kesselstadt gab. Und, dass wir hier Verletzte und Tote haben.“

Hanau: Attentäter tötet in Arena-Bar fünf Menschen – Paun wird von Hashemi tot in seinem Auto gefunden

Während er telefoniert, merkt er, dass seine Zunge taub wird, dass er nuschelt. Warum weiß er nicht. Da ist Blut an der Hand, am Handy. „Du blutest am Hals“, sagt sein Freund. Said Etris greift unter der Theke nach einem alten Pulli, drückt ihn auf die Wunde und steht auf, um nach den anderen zu schauen. Er sieht Hamza und seinen Bruder. Und er weiß, dass für sie jede Hilfe zu spät kommt. Auch im Kiosk kann er niemandem mehr helfen. Er tritt vor die Tür, sieht die Scherben an einem Auto, darin einen jungen Mann, den er nicht kennt und von dem er später erfahren wird, dass es Vili Viorel Paun ist, der den Attentäter vom Heumarkt aus verfolgt hatte und mit einem Kopfschuss durch die Scheibe getötet worden war.

Tatort Arena-Bar: Bevor der Attentäter hier fünf Menschen tötete, erschoss er Vili Viorel Paun in seinem Auto.

Dann kommen die Polizisten. Sie fragen nach seinem Ausweis, er fragt nach einem Krankenwagen. Sekunden seien ihm wie Minuten vorkommen; Minuten wie Stunden. Said Etris Hashemi ist bei Bewusstsein als die Sanitäter ihn auf die Trage legen. Er kommt in einen Krankenwagen. Dann ins Klinikum. Er sieht die Ärzte, spürt, dass er angehoben wird. Jemand zieht ihm die Schuhe aus, ein anderer gibt ihm eine Spritze. „Wir schicken dich jetzt schlafen“, ist das Letzte, was er hört.

Hanau: Überlebender berichtet – Zeit auf der Intensivstation nennt er „die Hölle auf Erden“

Erst zwei Tage später wacht er auf, nicht im Klinikum in Hanau, sondern in der Frankfurter Uniklinik. In seinem Körper stecken Schläuche, er kann nicht sprechen, nur auf ein Klemmbrett schreiben, kann nicht gehen. Er erfährt, dass der Täter ihn in den Hals geschossen hat, die Kugel im linken Mundboden stecken geblieben ist und herausoperiert werden musste. Glück im Unglück, denn Stimmbänder, Halswirbelsäule und Schlagader sind unverletzt geblieben. Erst beim Verbandswechsel sieht er, dass eine zweite Kugel seine Schulter getroffen hat. Die dritte: ein Streifschuss.

Die Zeit auf der Intensivstation nennt er „die Hölle auf Erden“. Im Radio hört er Bundespräsident Steinmeier, hört die Namen der Opfer. Einer der neun Namen ist der seines Bruders: Said Nesar Hashemi. Er wird von Frankfurt zurückverlegt nach Hanau. Einen Tag vor der zentralen Trauerfeier im CPH verlässt Said Etris das Krankenhaus.

Tausende nehmen Ende Februar auf dem Marktplatz Abschied von Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtovic.

Manchmal, sagt der Mann mit dem gepflegten Bart, fühle er sich, als sei die Zeit stehen geblieben, während sie für alle anderen einfach weitergehe.

Sein Vater ist Ende der 80er nach Deutschland gekommen, um sich hier eine sichere Zukunft aufzubauen. 1993 heiratet er in Afghanistan, ein Jahr später holt er seine Frau nach Hanau. 1995 kommt hier das erste von fünf Kindern auf die Welt.

Nach dem Anschlag in Hanau: Said Etris würde gerne wieder seine Ausbildung aufnehmen

Said Etris schüttelt den Kopf, findet keine Worte für seine Gefühle. „Ich habe mir mit meinem Bruder ein Zimmer geteilt, jetzt ist da ein leeres Bett“, sagt er stattdessen. In diesem Jahr will die Familie in einen anderen Stadtteil ziehen. Schon vor der Tat hatten sie ein Haus gesucht, weil es zu eng wurde für sieben Personen in einer Vier-Zimmer-Wohnung. Jetzt haben sie eins gefunden. Vielleicht ist es gut, Kesselstadt auf diese Weise hinter sich zu lassen. Und warum nicht ganz wegziehen aus Hanau? „Niemals“, sagt Said Etris, „das ist unsere Stadt, unsere Heimat.“

Dass er seinen Weg geht, hat Said Etris schon in der Schule bewiesen. Nach dem Hauptschulabschluss an der Otto-Hahn-Schule hat er die Realschule absolviert, danach Fachabitur gemacht. Vor dem 19. Februar 2020 war er mitten in der Ausbildung zum Versicherungskaufmann.

Vor zwei Jahren entstand dieses Bild von Said Nesar (vorn) und Said Etris.

Mehrere Male hat er versucht, die Ausbildung danach wieder aufzunehmen. Aber es ging nicht. Auch wegen der Arztbesuche und der Operationen, die immer wieder anstanden und bis heute anstehen. Demnächst ist die Schulter noch mal dran. Er würde gern wieder boxen gehen im JUZ, oder Kindern in den Sommerferien das Schwimmen beibringen – so, wie er es früher getan hat.

Hanau: Flashbacks an den 19. Februar – „Hanau darf sich nicht wiederholen“

Seine Pläne? Studieren gehen. Vielleicht Wirtschaft. Oder Wirtschaftsinformatik. Das ist genau sein Thema. Wie die Politik. Said Etris und seine Schwester Saida wollen, dass alle Fehler, die rund um den 19. Februar passiert sind, aufgearbeitet und öffentlich gemacht werden. „Die Politik muss eingestehen und akzeptieren, dass Fehler passiert sind. Hanau darf sich nicht wiederholen.“

Der 24-Jährige nennt es ein „Armutszeugnis“, dass Behörden in Deutschland von den Familien auf Missstände bei den Ermittlungen hingewiesen werden müssten. „Wie kann es sein, dass erst ein Jahr nach dem Anschlag von Innenminister Beuth eingeräumt wird, dass es Probleme während der Tatnacht gab“, fragt der 24-Jährige, „warum mussten die Familien die Behörden darauf hinweisen, dass es Probleme mit dem Notruf gab und der Notausgang der Arena-Bar verschlossen war?“

Manchmal träumt Said Etris Hashemi vom 19. Februar. Manchmal hat er Flashbacks. „Kein Mensch sollte so etwas erleben müssen, aber es ist nun mal passiert.“ Und dann sagt er, ein bisschen auch zu sich selbst: „Es geht mir gut, es geht weiter.“ (Von Yvonne Backhaus-Arnold)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema