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Im Gespräch: Oberbürgermeister Herbert Dröse (links) mit einem HR-Reporter. Der Sozialdemokrat Dröse (1908 bis 1973), gebürtiger Ostpreuße, kam 1961 auf den Sessel des Hanauer Stadtoberhaupts. In seine Ära fiel die weitgehende Vollendung des Wiederaufbaus.

Treffen im Jahr 1966

Heftige politische Kontroverse: Als Hanaus Oberbürgermeister Herbert Dröse in die DDR reiste

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Vor 50 Jahren besuchte Willy Brandt Erfurt. Bereits vier Jahre zuvor war Hanaus Oberbürgermeister Herbert Dröse in die DDR gereist. Er wurde zum Pionier der Ostpolitik von Brandt.

Die Corona-Krise, die uns alle seit Wochen bewegt, hat so manches historische Ereignis in den Hintergrund gedrängt. Dem Jahrestag der Kapitulation Deutschlands vor 75 Jahren wäre zu anderen Zeiten sicher größere mediale Aufmerksamkeit zuteil geworden, wie auch einem Ereignis, welches mittelbar Folge jenes Weltkrieges war, der 1939 mit dem gemeinsamen Überfall Deutschlands und der Sowjetunion auf Polen begonnen hatte. Gemeint ist der Besuch Willy Brandts vor 50 Jahren in Erfurt. Doch schon vier Jahre vor Brandt, und auch daran wäre zu erinnern, hatte Hanaus Stadtoberhaupt Herbert Dröse eine Reise in die DDR „gewagt“ – und damit in Hanau eine heftige politische Kontroverse ausgelöst.

Mauer trennt Deutschland radikal

Um nun die Tragweite der beiden Reisen zu erkennen, ist ein Blick ein gutes halbes Jahrhundert zurück vonnöten. 1961 hatte die „DDR“ in Berlin die Mauer errichtet und die Zonengrenze mit Stacheldraht und Todesstreifen abgeriegelt. Damit waren die beiden deutschen Staaten auch physisch radikal getrennt und eine Entscheidung der Sieger von 1945, nämlich Deutschland in deren Interessenzonen aufzuteilen, wurde zementiert.

Offizielle Politik der Bundesrepublik war es allerdings, eine Wiedervereinigung der beiden gegensätzlichen Staaten auf der Agenda zu halten. Zumindest verbal, denn in der Praxis hielt man strikt Distanz zur „Ostzone“ mit ihrem menschenverachtenden System. Die Kommunistenangst saß angesichts des real existierenden Sozialismus vor der Haustür tief, der „Eiserne Vorhang“ gleich hinter Fulda war dicht.

Hanau fest in amerikanischer Hand

Und rund um Hanau befand sich eine der größten amerikanischen Garnisonen außerhalb der USA, ein Schutzschirm im Kalten Krieg, der von vielen Deutschen so begriffen wurde. Ende der 1960er Jahren umfasste die Hanau Military Community über 30 000 Personen. Klassenfahrten zu der Manifestation schlechthin der deutschen Teilung, der Zonengrenze, gehörten damals zum Schulalltag. Oberstudienrat Hans Löwe von der Hohen Landesschule, unter Zurücklassung einer riesigen Bibliothek erst wenige Jahre vorher aus der DDR geflüchtet, animierte seine Schüler zu solchen Anlässen, bei der Sichtung eines DDR-Grenzers ein lautstarkes „Pfui!“ anzustimmen. Diese Abneigung gegen das Unrechtsregime in der sogenannten DDR ging aber auch quer durch die Parteienlandschaft.

Nicht nur sah sich die CDU als Garant einer möglichen Wiedervereinigung, auch die SPD neigte, zwei Jahrzehnte nachdem sie in der Sowjetzone mit der KPD zur SED zwangsvereinigt worden war, zu keiner großen Sympathie für das Regime in Ost-Berlin. Noch war man also weit entfernt von jener „Ost-Politik“, die 1969 mit der Wahl des Sozialdemokraten Willy Brandt zum deutschen Bundeskanzler Bewegung in die Fronten der Weltpolitik bringen sollten.

Viele Private und politische Kontakte in den Osten 

Auf privater wie auf kommunaler Ebene indes hatte es schon einige Zeit und nicht nur in Hanau Kontakt über den Stacheldraht hinweg gegeben. Hans Griesel, Sozialdemokrat und Rektor der Kesselstädter Geibel-Schule hatte regelmäßig einen Kameraden aus Kriegstagen zu Gast, der reisen durfte. Schulrat Hilgenfeld aus Grünheide in der Mark, freilich immer in Gesellschaft zweier Stasi-Aufpasser, suchte relativ oft in Hanau das Gespräch mit der akademischen Jugend oder den politischen Jugendorganisationen, mithin mit künftigen „Multiplikatoren“, wie man heute sagen würde.

Aber auch hinein in Kreise der Kommunalpolitik suchte die DDR-Führung unter Walter Ulbricht, Fäden zu spinnen. Man gab sich international in Ost-Berlin und es kam zur Gründung eines „Verbandes europäischer Kommunalpolitiker“, der unter dem Deckmantel angeblicher gemeinsamer Probleme auf kommunaler Ebene wirken sollte. Dazu dienten „Kolloquien“, wie das vom 16. bis 19. Mai 1966 in Dresden. Stolz konnte das Regierungsblatt „Neues Deutschland“  am 17. Mai auf Seite 1 melden: „3. Kolloquium europäischer Kommunalpolitiker eröffnet“. Über 200 „Delegierte“ aus 21 Ländern, darunter neben den Vasallenstaaten der Sowjetunion aus Frankreich, Italien, Norwegen, Großbritannien, Schweden, Österreich auch aus der „BRD“ seien nach Dresden gekommen, um gemeinsame gesellschaftliche Probleme zu erörtern. Einer jener „Delegierten“ war Hanaus damaliger OB Dröse.

Dröse will sich selbst ein Bild von "drüben" machen

Seit 1962 war der Sozialdemokrat OB der Goldschmiedestadt. In der Stadtgeschichte gilt er als der pragmatische Weichensteller für die Zukunft Hanaus nach dem Mitte der 1960er Jahre nahezu abgeschlossenen Wiederaufbau nach den Kriegszerstörungen. Aber was zog einen westdeutschen Oberbürgermeister inmitten des Kalten Krieges zu solch einem offenbar kommunistisch inspirierten Treffen? 

Dröse hatte dazu eine klare Meinung: „Es wird so viel geredet und geschrieben über die Verhältnisse drüben. Doch ich kann mir selbst doch gar kein Bild darüber machen, was richtig oder falsch daran ist. Deshalb habe ich diese Reise unternommen, um selbst einen Überblick zu bekommen“, zitiert ihn 23. Mai 1966 die „Frankfurter Neue Presse“. Und: Bei der Dresdener Tagung ging es auch um den Wiederaufbau der kriegszerstörten Städte.

Politiker mit scharfer Kritik an Dresden-Reise

In der Hanauer Kommunalpolitik schlug die Dresden-Reise allerdings Wellen: Die CDU mit ihrem Vorsitzenden Dr. Wolfgang Friedrich und dem Vorsitzenden des Kommunalpolitischen Ausschusses der Partei, Hans Jäger, schoss aus allen Rohren. Dröse habe in Dresden in Worten und Verhalten „ . . . der Zwei- Staaten-Theorie des Ostens das Wort geredet und die DDR als kommunistischen Staat anerkannt“. Dies stünde, so der spätere BfH-Gründer Jäger vor der Presse, in so offensichtlichem Gegensatz zur Parteilinie der SPD, dass man sich fragen müsse, ob der Oberbürgermeister nach diesem „Dresden-Abenteuer“ für seine Partei „überhaupt noch tragbar“ sei.

Man habe überdies gehört, Dröse habe Dresdens Oberbürgermeister zu einem Besuch in Hanau eingeladen. Wenn dem so sei, so habe er damit Hanau „einen schlechten Dienst erwiesen“. Denn: „Wenn dies eine offizielle Einladung sein soll, so müssen wir scharf dagegen protestieren.“

Dröse wirbt für Kontakte in die DDR

Dröse selbst nahm die Sache gelassen. Er habe in Dresden den Eindruck gewonnen, dass unter den Kommunalpolitikern der Standpunkt vorherrsche, ein gemeinsames Europa könne nur über die deutsche Versöhnung führen. Die Gesellschaftsordnungen in Ost und West stünden sich zwar „diametral gegenüber“, es sei aber überall die Bereitschaft zu spüren, die für die einzelnen Länder geeigneten Gesellschaftsformen anzuerkennen.

„Solche Kontakte müssen fortgesetzt werden. Ich kann nur jedem Landrat und jedem Bürgermeister empfehlen, solche Einladungen anzunehmen“, unterstrich er bereits am  20. Mai gegenüber unserer Zeitung. Was diese „deutsche Frage“ betrifft, so hatten bereits 1963 Willy Brandt und Egon Bahr in der SPD den „Wandel durch Annäherung“ postuliert. Am Ende jenes Jahres, in dem Hanaus OB in Dresden weilte, kam es dann im Bundestag zu einer Großen Koalition aus CDU und SPD. Unter dem CDU-Kanzler Kiesinger wurde Willy Brandt Außenminister. Nach den Wahlen von 1969 kam es zu einer sozialliberalen Koalition mit Willy Brandt als erstem sozialdemokratischen Bundeskanzler. Brandts „Ostpolitik“ sollte nun, Rückschlägen wie dem Einmarsch der Russen in der CSSR 1968, der europäischen Politik entscheidende Impulse bringen.

Dazu gehörte auch Willy Brandts Besuch im“ Feindesland des Kalten Krieges“: Am 19. März 1970 traf er in Erfurt den DDR-Regierungschef Willy Stoph zu ersten Gesprächen auf Regierungsebene. Die „Willy, Willy!“-Rufe der Erfurter vor dem Hotel Erfurter Hof sollten eine neue Ära einläuten, deren glückliches Ende indes noch fast zwei Jahrzehnte auf sich warten ließ. Herbert Dröse indes, der von der CDU ob seines Besuchs in Dresden angefeindete Hanauer OB, durfte sich an jenem 19. März 1970 in seiner Haltung bestätigt fühlen, die ihn vier Jahre vor dem geschichtsträchtigen Kanzlerbesuch in die DDR geführt hatte.

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