Sekten-Prozess

Prozess um Kinder-Mord in Hanau: Erschreckender Brief dokumentiert die Abläufe - Sollten die Todesumstände verschleiert werden?

  • vonThorsten Becker
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In dem Prozess um den Tod des kleinen Jan wurde nun ein Brief des verstorbenen Mannes der Angeklagten verlesen. Darin schildert er die Ereignisse aus Hanau. 

  • Prozess um Mord an Jan H. geht weiter
  • Brief des verstorbenen Mannes von Sylvia D. schildert die Ereignisse aus Hanau
  • Der Inhalt ist schockierend

Am Donnerstag liest der Vorsitzende RichterDr. Peter Graßmück während der Beweisaufnahme viele Dokumente vor. Eines dieser Schriftstücke ist besonders brisant, denn es nährt weiter den Verdacht, dass die näheren Umstände des Todes von Jan H. in der sektenähnlichen Gemeinschaft in der Hanauer Weststadt offenbar gezielt verschleiert werden sollten. Möglicherweise, um die Ermittlungsbehörden, die vor über 30 Jahren schließlich von einem „Unfall“ ausgegangen sind, an der Nase herumzuführen. 

Der vierjährige Jan H. ist am17. August 1988 gestorben. Offenbar an Erbrochenem. Im Mordprozess vor dem Hanauer Landgericht gegen die 72-jährige mutmaßliche Sektenchefin Sylvia D. gibt es nach inzwischen 21 Verhandlungstagen keinen Zweifel mehr daran, dass der kleine Bub aus obskuren Gründen in einem Sack gelegen hat, als er qualvoll erstickt ist. Die Existenz dieser Säcke ist bislang von allen dazu vernommenen Zeugen bestätigt worden. 

Prozess: Dokument belegt die Vorgänge in Hanau im Jahre 1988

Nur: 1988 ist den damaligen Ermittlern sowie dem Notarzt, der noch verzweifelt versucht hatte, das Leben des Vierjährigen zu retten, überhaupt nichts von einem Sack bekannt. Auch nicht, dass Jan H. in einem solchen verschnürt gewesen ist. Umso brisanter nun dieses Dokument, das am Donnerstag auf Antrag der Verteidigung vor dem Hanauer Schwurgericht verlesen wird. Es handelt sich um einen Brief, der von Walter D. – dem vor wenigen Jahren verstorbenen Ehemann der Angeklagten – mit dem Datum „17. August 1988 (19.30 Uhr)“ versehen worden ist. 

Stimmt dieses Datum, dann wären diese Zeilen nur rund fünf Stunden nach dem Tod von Jan H. geschrieben worden. Umso erschreckender wirken vor diesem Hintergrund diese bürokratisch-nüchternen Zeilen, die wie ein „Todesprotokoll“ anmuten. Alleine der Einleitungssatz lässt einem die Haare zu Berge stehen. D. schreibt offenbar an seine Frau, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits als Medium des Willen Gottes („Alterchen“ genannt) hält: „Lieber Schatz, dein Alterchen hat wieder einen unvergesslichen Tag gehabt, an dem er Geschichte schrieb.“ 

Prozess in Hanau: Der Brief schildert auch die Wiederbelebungsversuche 

Dann folgt ein derart präziser Ablauf des Geschehens, der um 12.30 Uhr beginnt und sogar die Rückkehr vom Hanauer Wochenmarkt auf „14.05 Uhr“ terminiert. Weiter soll Walter D. geschrieben haben, er habe nach dem Auffinden des leblosen Kinderkörpers „sofort mit Wiederbelebungsversuchen“ begonnen. Das Protokoll ist weiter sehr exakt gehalten. Ein Sack wird darin jedoch nicht erwähnt. Ein Zufall, ein Versehen? Oder Absicht? 

Im Zusammenhang mit den folgenden Passagen hätten bei den damaligen Ermittlern der Kriminalpolizei wohl alle Alarmglocken läuten müssen – wenn dieses Schreiben tatsächlich fünf Stunden nach dem Tod verfasst worden ist. Denn bereits zu diesem Zeitpunkt wird nüchtern berichtet, der Notarzt habe „den Tod von Jan“ festgestellt. Weiter heißt es: „Kurze Zeit später kommen zwei Kriminalbeamte und nehmen ein Protokoll auf ( . . .) sie stellen amtlich fest: Jan hat erbrochen und ist (. . . ) an Haferflocken erstickt.“ 

Das „Todesprotokoll“ des Walter D. geht dann ohne eine Spur von Emphatie weiter: „Später kam Herr B. und hat Jan im Sarg mitgenommen.“ Und dann scheint es so, als ob das Ergebnis der Ermittlungen für Zufriedenheit sorgt. Abschießend steht in dem Brief: „Wenn der Staatsanwalt keine Obduktion anordnet, was zu erwarten ist, dann können wir Jan am Montag auf dem Friedhof in Kesselstadt beisetzen.“ 

Prozess: In dem Brief wird der Tod des Kindes für ein Lob an die Sektenführerin aus Hanau genutzt

Der Tod des Kindes wird auch noch für für ein Lob benutzt: „Dein Alterchen hat mit 100 Prozent richtig entschieden.“ Warum hat Walter D. dieses Protokoll überhaupt aufgesetzt? Denn die Polizei hatte ja angeblich die Ermittlungen abgeschlossen und „amtlich“ eine Feststellung getroffen. Die Kriminalisten haben deshalb Walter D. wohl kaum zu einem Gedächtnisprotokoll aufgefordert. 

Statt über ein Schicksal betroffen zu sein, setzt sich ein ehemaliger Pfarrer hin und schreibt fünf Stunden später ein minutiöses Protokoll? Das könnte durchaus ein Indiz dafür sein, dass die Hauptakteure es gezielt darauf angelegt haben, die wahren Todesumstände zu verschleiern – oder eine einheitliche Sprachregelung vorzugeben? Für den Fall, dass vielleicht doch jemand nachfragt? 

Hanau: Verteidiger im Prozess um den Tod des kleinen Jan brachten den Brief als Beweismittel ein

Das Verwunderliche ist, dass dieser Brief auf Antrag der Verteidigung als Beweismittel verlesen wird. Denn darin steht auch: „Claudia, Martin und ich fahren zum Wochenmarkt.“ Gemeint sind damit die Mutter von Jan H., Walter D. undMartin D. , dem Hauptbelastungszeugen, der seine Mutter schwer belastet hat. Er will an diesem Tag im Haus gewesen sein. Detailliert hat er dem Schwurgericht geschildert, was er gehört und gesehen hat. Zudem hat auch Manuel D., der jüngere Bruder, im Zeugenstand bekundet, er sei zusammen mit Martin im Haus gewesen und habe mit ihm gespielt. So steht Aussage weiterhin gegen Aussage. Am Ende werden die Plädoyers sowie am Schluss die Schwurgerichtskammer dies juristisch zu bewerten haben.

Rubriklistenbild: © Mike Bender (Archiv)

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