Auf rund 1000 Menschen schätzt der Einsatzleiter der Polizei das Aufkommen der Demonstration am Marktplatz, zu der ein Bündnis Hanauer Jugendorganisationen aufgerufen hatte.
+
Auf rund 1000 Menschen schätzt der Einsatzleiter der Polizei das Aufkommen der Demonstration am Marktplatz, zu der ein Bündnis Hanauer Jugendorganisationen aufgerufen hatte.

Themenwoche 19. Februar

Kein Vergeben, kein Vergessen: Rund 1000 Menschen demonstrieren in der Innenstadt gegen rechte Gewalt

  • Kerstin Biehl
    vonKerstin Biehl
    schließen

Behutsam holt die junge Frau eine weiße Kerze aus ihrem Rucksack. Mit Wachsplatten sind darauf die Namen der Opfer des 19. Februar gestaltet. Wo sie ihre Kerze abstellen könne, möchte sie wissen. Ihr wird der Weg durch unzählige Menschen hin zum Brüder-Grimm-Denkmal gewiesen. Dort platziert sie ihre Kerze neben unzähligen weiteren, neben Blumen und Kränzen, die dort gemeinsam mit Fotos an Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov erinnern.

Hanau – Rund 1000 Menschen – so die Schätzung des Einsatzleiters der Polizei – sind am Freitagnachmittag auf dem Marktplatz. Kamerateams, TV-Übertragungswagen und Journalisten säumen das Bild. Dazu Polizisten und Hygienekontrolleure. Es ist voll. Die Menschen bemühen sich um Abstand. Alle tragen Masken.

Schilder mit den Bildern der Attentats-Opfer werden hochgehalten, Schilder mit dem seit einem Jahr geprägtem Motto „#saytheirnames“. Aufgerufen zur Demonstration unter dem Motto „Kein Vergeben, kein Vergessen“ hat ein Bündnis von Hanauer Jugendorganisationen, unter anderem die Bildungsinitiative Ferhat Unvar, die DIDF-Jugend, Fridays for Future, die Grüne Jugend, die IG-Metall-Jugend, die DGB-Jugend und der Internationale Jugendverein Hanau (IJV).

„Wir wollen ein Zeichen für Solidarität und gegen rechte Gewalt setzen, denn durch den gesamten Staat zieht sich ein rechter Abgrund“, erklärt DIDF-Sprecher Nazim Turan. Der Spaltung, den Lügen und der Ausgrenzung, dieser Masche der Rechten müsse jederzeit und überall etwas entgegengesetzt werden. „Nur mit geeinten Kräften, Schulter an Schulter, können wir den rechten Terror besiegen.“

Die Veranstaltung steht im Zeichen der gemeinsamen Trauer, bei der auch den Worten und Anklagen der Angehörigen Raum gegeben wird. Wie denen des Bruders des ermordeten Gökhan Gültekin, Çetin Gültekin. Er fordert Aufklärung und Konsequenzen: „Die offenen Fragen müssen beantwortet werden. Rassismus muss konsequent bekämpft werden, überall und auf allen Ebenen der Gesellschaft.“ Gültekin sagt, dass viele Versäumnisse und behördliches Versagen erst durch die eigene Recherche der Hinterbliebenen oder die Arbeit von Journalisten offengelegt worden seien. „Hanau“, so Gültekin, „wird immer wieder als Zäsur bezeichnet, aber von oben, von der Politik, bewegt sich fast nichts. Deshalb müssen wir eine Zäsur von unten erzwingen. Niemand soll noch mal erleben, was wir erlebt haben.“ Für den Sommer, sobald es die Pandemielage wieder zulasse, kündigt er eine Großdemo gegen Rassismus an. „Wir werden nicht aufhören zu gedenken, denn erinnern heißt verändern.“

Während der teils emotionalen Reden und während sich der Demonstrationszug durch die Innenstadt in Bewegung setzt, brennt die Kerze der jungen Frau im Lichtermeer des Brüder-Grimm-Denkmals. „Rassismus tötet“ steht auf ihrer Rückseite. Dafür, dass dies nie wieder passiert, sind diese Menschen heute auf Hanaus Straßen gekommen.

Von Kerstin Biehl

Çetin Gültekin, der Bruder des ermordeten Gökhan Gültekin, fordert erneut lückenlose Aufklärung.
Am Jahrestag des Attentats zieht unter dem Motto „Hanau kämpft zusammen“ ein Demonstrationszug durch die Innenstadt.
Der 19. Februar hat sich tief in das Gedächtnis der Hanauer eingebrannt.
Zusammenkommen zum Gedenken – auf den Plakaten sind die Bilder der Attentatsopfer zu sehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema