Mittelpunkt der Tat: In einer weißen Luxuskarosse wird der in Maintal wohnende S. im Juli 2017 festgehalten, während in seiner Wohnung Beute gemacht wird.
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Mittelpunkt der Tat: In einer weißen Luxuskarosse wird der in Maintal wohnende S. im Juli 2017 festgehalten, während in seiner Wohnung Beute gemacht wird.

Gericht

Mitfahrgelegenheit mit Folgen: Auftakt im Prozess um schweren Raub und Entführung in Maintal

  • Michael Bellack
    vonMichael Bellack
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Maintal – Treffen sich vier Männer in einem Auto. Was erst einmal klingt wie die Einleitung eines Witzes, ist in Wahrheit der Auftakt einer Straftat, die vor dem Hanauer Landgericht verhandelt wird. Im Mittelpunkt stehen vier Männer, die eigentlich kaum etwas miteinander zu tun haben – jetzt aber gemeinsam auf der Anklagebank sitzen.

Mittendrin ist der Angeklagte Ö. aus Maintal. Ihm und drei weiteren Männern werden schwerer Raub und Entführung vorgeworfen. Sie sollen im Juli 2017 einen Mann unter einem Vorwand aus seiner Wohnung in Maintal gelockt und dazu aufgefordert haben, ihnen Geld zu übergeben. Das alles soll sich im Wagen des Angeklagten M. abgespielt haben, ein nicht gerade unauffälliger Luxus-SUV. Dabei soll laut der Anklage auch ein Messer im Spiel gewesen sein. Zudem sollen die Männer dem Opfer den Wohnungsschlüssel entwendet haben und anschließend in dessen Wohnung auf Raubzug gegangen sein. Die Beute: ungefähr 2000 Euro, vier Armbanduhren von durchaus namhaften Herstellern, eine Spielkonsole und 200 Gramm Marihuana.

Landgericht Hanau: Angeklagte äußern sich detailliert zur Tat

Dass sie die Tat begangen haben, bestreiten die Angeklagten nicht. Auch nicht, dass sie alle vier dabei waren – zumindest im Auto. Vielmehr zeigen sie sich in ihren Aussagen sehr kooperativ, beantworten die Fragen der Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel aufmerksam und betonen unisono, die Wahrheit zu sagen.

Interessant ist dabei, dass die Männer, denen gemeinschaftlicher Raub vorgeworfen wird, eigentlich so gar keine Gemeinschaft sind. Denn Ö., A., I. und M. sind weder extrem gut befreundet, noch eine Art Bande, die regelmäßig auf Raubzug geht. Vielmehr sind sie vier junge Männer, die an diesem Tag im Juli mehr oder weniger zufällig zusammengekommen sind.

Duo will Geldprobleme mit Raub lösen

Der Hintergrund der Tat ist simpel: Es ging ums Geld. Der Maintaler Ö. will sein an A. geliehenes Geld zurückhaben, der jedoch kann die Summe nicht aufbringen. Die beiden kommen also auf die ebenso simple wie illegale Idee, sich Geld von einer dritten Partei zu beschaffen.

Ö. schlägt den in Maintal wohnenden S. vor, bei dem es wohl immer etwas zu holen gebe. Von Bargeld in Höhe von mehreren Tausend Euro ist die Rede, außerdem hat S. auch was mit Drogen am Hut erklärt der Maintaler, diese These untermauern allein die 200 Gramm Marihuana, die die Angeklagten in seiner Wohnung erbeuten.

Angeklagte kennen sich untereinander nur flüchtig

Der Plan steht also. Und eigentlich, das erklärt A., hätten er und Ö. das Ding auch alleine durchgezogen. Doch dann hilft Kommissar Zufall und I. und M. betreten die Bildfläche. Beide kommen wie A. aus Kassel, aber nur A. und I. kennen sich. Aber I. kennt dafür M. Mit dem Maintaler Ö. haben die beiden zuvor und auch nach der Tat nie etwas zu tun gehabt. Es bleibt eine einmalige Konstellation im Juli 2017, die dafür umso fataler ist.

Als A. erfährt, dass I. und M. nach Frankfurt fahren wollen, um dort einen Freund zu besuchen, sieht er eine bequeme Gelegenheit, auch nach Maintal zu kommen und nimmt die Mitfahrgelegenheit dankend an. Und da beginnt das Unheil.

Opfer wird unter Vorwand aus dem Haus gelockt

Denn in Maintal steigt auch Ö. hinzu. M. wird gebeten, übrigens der einzige Angeklagte mit Führerschein, sie vor ein Haus zu fahren. Dort hätten sie noch etwas mit jemandem zu klären. Es ist einer von mehreren Zeitpunkten, an denen I. und M. sich noch aus dem Schlamassel hätten retten können. „Etwas klären wollen, bedeutet in diesem Kontext immer den Einsatz von Gewalt“, erklärt Wetzel und verweist auf ihre langjährige Berufserfahrung.

Doch M. fährt vor das Haus in Maintal. Unter dem Vorwand, das Quartett hätte seinen Wagen angefahren, wird S. aus seiner Wohnung gelockt. Er wird in den Wagen gedrängt, wo ihn I. in Empfang nimmt. Ganz so freundschaftlich, wie er das im Gerichtssaal vorführt, dürfte die „Umarmung“ – Wetzel nennt es „Schwitzkasten“ – jedoch nicht ausgefallen sein. Der Maintaler Ö., der aus Angst erkannt zu werden eine Sturmmaske trägt und kein Wort sagt, und A. ziehen ihren Plan durch und erbeuten Bargeld in der Wohnung.

Angeklagter zeigt Reue: „Bereue es zutiefst“

Es ist der zweite Zeitpunkt, zu dem sich I. und M. eigentlich hätten fragen müssen, was sie hier eigentlich machen. Beide sitzen mit dem bedrohten Opfer, dass sie nicht kennen und mit dem sie auch keinerlei Probleme haben, im Wagen und warten auf ihre bestenfalls Bekannten, die eine Wohnung ausrauben, um Geldprobleme zu lösen, mit denen I. und M. ebenfalls überhaupt nichts zu tun haben.

„Ich bedauere zutiefst, dass ich nicht den Mut hatte, auszusteigen“, erklärt M. Wetzel lässt dessen Erläuterungen, warum er eine Vielzahl an Möglichkeiten ausließ, sich aus dieser Straftat herauszuhalten, nicht gelten. Dafür ist es jetzt zu spät. „Wir sitzen alle im selben Boot“, bringt es A. auf den Punkt.

Ein Boot in der Gestalt eines weißen Luxus-SUV’s. Ein Boot, das gerade untergeht – und in seinem Sog alle mitzieht. Der Prozess soll am Mittwoch mit der Aussage des Opfers und den Plädoyers fortgesetzt werden.

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