Fachsimpeln über Handball: Sportjournalist Florian Naß und sein Sohn Henrik, Torhüter bei der HSG Hanau, sprechen mit HA-Sportredakteurin Julia Meiss über die morgen beginnende WM – im coronakonformen Videocall.
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Fachsimpeln über Handball: Sportjournalist Florian Naß und sein Sohn Henrik, Torhüter bei der HSG Hanau, sprechen mit HA-Sportredakteurin Julia Meiss über die morgen beginnende WM – im coronakonformen Videocall.

Handball-WM: ARD-Kommentator Florian Naß ist nicht vor Ort

ARD-Handball-Kommentator Florian Naß: Schärfste Kritiker sitzen auf eigener Couch

  • Julia Meiss
    vonJulia Meiss
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Wenn ARD-Kommentator Florian Naß die Leistung der Torhüter bei der am Mittwoch, 13. Januar, beginnenden Handball-Weltmeisterschaft in Ägypten bewertet, hat er eins immer im Hinterkopf: Seine kritischsten Zuschauer sitzen zu Hause auf seiner Couch. Denn seine Frau und die beiden Kinder sind allesamt talentierte Torhüter. „Wenn ich dann behaupte, dass ein Torwart den Ball hätte halten können, sieht das meine Familie schon mal anders“, erzählt der Ober-Mörler lachend und schaut zu seinem Sohn Henrik, der schmunzelnd mit dem Kopf nickt und ergänzt: „Er will Feedback haben, auch bei anderen Sportarten wie Radsport.“

Hanau/Ober-Mörlen – Aber besonders beim Handball greift die Expertise der Familie Naß, wobei Mama Dorthe Wiedenhöft-Naß die mit Abstand erfolgreichste Sportlerin der Familie ist. Die 53-jährige ehemalige Nationaltorhüterin hat die Tore der früheren Spitzenklubs der Frauen TV Lützellinden und TV Mainzlar gehütet, ist Europapokalsiegerin, jeweils mehrfache deutsche Meisterin und DHB-Pokalsiegerin. Die 24-jährige Tochter Marieke vernagelt aktuell beim Oberligisten TV Hüttenberg die Bude und Sohn Henrik (20) steht in Diensten der HSG Hanau. Kein Wunder, dass die drei gelernten Torhüter einen anderen Blick auf ein Spiel haben als Florian Naß, der als ehemaliger rechter Rückraumspieler in der Regionalliga die Handball-Familie vervollständigt.

ARD schickt kein Team nach Ägypten

Der Sportjournalist ist der WM-Kommentator für die ARD, aber diesmal nicht live vor Ort. Aufgrund der Corona-Pandemie hat die ARD, die alle Spiele mit deutscher Beteiligung abwechselnd mit dem ZDF live überträgt, entschieden, kein Team nach Ägypten zu schicken. „Das war eine verantwortungsvolle Entscheidung und ausdrücklich keine Entscheidung gegen den Handball. Wäre es um Fußball gegangen, wäre die Entscheidung genauso ausgefallen“, beteuert der 52-Jährige beim coronakonformen Videocall und ergänzt: „Ich wäre natürlich gerne hingefahren, denn das ist immer besser.“ Nun kommentiert der Wetterauer von Deutschland aus, was sich nicht auf die Vorbereitungen auswirke. „Bei den Vorbereitungen ändert sich gar nichts. Ich führe Telefonate mit dem Bundestrainer und Co-Trainer, beispielsweise über taktische Dinge, und spreche mit dem Umfeld der Spieler“, gibt Florian Naß einen Einblick in seine Arbeit und hält einen dicken Ordner mit den bereits zusammengetragenen Informationen in die Kamera – dazu gehört auch eine ausführliche Analyse der Gegner. Immerhin trifft Deutschland in der Gruppe A auf unbekannte Kontrahenten wie Uruguay und Kap Verde. Vervollständigt wird die Gruppe durch Ungarn.

Was Florian Naß während der WM fehlen wird, ist der tägliche direkte Kontakt mit den Spielern. Außerdem muss sich der Sportjournalist, der das DHB-Team beim Gewinn der Weltmeisterschaft 2007 und der Europameisterschaft 2016 während der jeweiligen Endspiele am Mikrofon begleitete, beim Kommentieren auf seine umfangreiche Erfahrung verlassen: „Ich habe nur die Bilder, die auch der Fernsehzuschauer bekommt. Wenn ich in der Halle sitze, sehe ich mehr: Herrscht Unruhe beim Videoassistenten? Wird ein Spieler hinter der Bank behandelt? Ich kann keinen direkten Eindruck vermitteln, was in der Halle los ist.“

Vorbereitung ist das A und O

Umso mehr vertieft sich der ehemalige Rückraumspieler in die Recherche, denn beim Kommentieren verfolgt Florian Naß ein Ziel: „Ich will Dinge über die Gegner herausfinden, von denen ich ausgehe, dass sie die Zuschauer interessieren. Und wenn sie sich dann fragen ‘woher weiß er das denn?’, dann habe ich alles richtig gemacht.“ Es geht ihm also um die Geschichten hinter den jeweiligen Nationalmannschaften – gut vorbereitet zu sein, ist also das A und O.

Auf gehts: Paul Drux (am Ball) und die deutsche Handball-Nationalmannschaft gehen bei der WM auf Torejagd – begleitet von Kommentator Florian Naß.

Während sich Florian Naß also in die Arbeit kniet, muss sich Henrik Naß in Geduld üben. Der 20-jährige Lehramtsstudent ist im Sommer 2019 vom TV Hüttenberg zur A-Jugend-Bundesliga-Mannschaft der HSG Hanau gewechselt und sollte eigentlich in dieser Saison seine erste komplette Spielzeit bei den Senioren bestreiten. Der Torhüter sollte im Oberliga-Team der HSG zum Einsatz kommen, ist aber auch im Kader der Drittliga-Mannschaft gemeldet. „Ich kann nichts anderes machen, als mich bereitzuhalten. Es war ja auch früh klar, dass die Umsetzung der Saison schwierig werden wird“, sagt Henrik Naß über sein unerwartetes erstes Jahr bei den Senioren und wirft einen Blick voraus: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ab Februar gespielt werden kann. Selbst nur eine halbe Runde zu spielen, wird schwierig.“ Froh ist der 20-Jährige, dass er zum Erstmannschaftskader der HSG Hanau gehört und daher weiter trainieren darf, da die Drittligisten dem Leistungssport zugeordnet werden.

Sohn Henrik hütet das Tor der HSG Hanau

Prinzipiell fühlt sich Henrik Naß in Hanau sehr wohl. „Die Stimmung in Hanau ist sehr gut. Ich bin gut in den Verein reingewachsen und sehr zufrieden – auch mit der Qualität von Trainern und Training. Nur schade, dass wir nicht spielen können“, freut sich der junge Torsteher besonders über das Torwart- und Krafttraining bei der ersten Mannschaft: „Das macht Spaß.“ Dabei ist Henrik Naß ein gelernter Feldspieler. Erst in der Bezirksauswahl hat er sich dazu entschieden, fest im Tor zu bleiben – dank seines Talents sind die Auswahlchancen größer gewesen. Außerdem hat er in jungen Jahren parallel Handball und Fußball gespielt. „Meine Freunde haben gekickt und das wollte ich auch machen. Bis zur B-Jugend habe ich beides gemacht“, erzählt der 20-Jährige, der trotz des Handball-Familien-Gens bei seiner sportlichen Aktivität freie Auswahl hatte, wie Florian Naß sagt: „Sie hätten auch gerne Hockey oder sonst was spielen können.“ Aber ein Sport sollte es schon sein, denn „Sport und besonders Mannschaftssport sind eine tolle Schule, was Erziehung und Vermittlung von Werten betrifft“, sagt Florian Naß. Wenn es seine Tätigkeiten bei der ARD und der Hessenschau zulassen, ist der Sportjournalist natürlich liebend gerne bei den Spielen seiner Kinder dabei.

Tochter Marieke ist bereits eine feste Größe in der Oberliga der Frauen und auch Sohn Henrik traut der 52-Jährige höherklassigen Handball zu. „Ich traue ihm die 3. Liga zu. Er hat als Torwart was Spezielles und hält manchmal Bälle, wo ich mir denke, wie hat er das denn jetzt gemacht“, kommt Florian Naß ins Schwärmen. Henrik nimmt das Lob schweigend an. Er weiß, dass er sich als Youngster erst einmal beweisen muss. „Ich würde gerne ein paar Drittligaspiele machen. Wäre super, wenn das in Hanau klappt. Ich will alles aus mir rausholen und dann sehen, was geht“, sagt er zu seinen Zielen.

Ab Beginn der WM liegt der handballerische Fokus bei Familie Naß auf der Leistung der DHB-Auswahl und Florian bei der WM – Feedback von Familie Naß auf der heimischen Couch inklusive.

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