Das war überhaupt nix! Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft unterlagen Spanien in der Nations League mit 0:6. Die Kritik in der Heimat ist groß. Auch in der Region Hanau.
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Das war überhaupt nix! Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft unterlagen Spanien in der Nations League mit 0:6. Die Kritik in der Heimat ist groß. Auch in der Region Hanau.

Historische Niederlage

DFB-Debakel gegen Spanien: Das sagen Fußballer aus der Region zum Auftritt der Nationalmannschaft

  • Holger Weber-Stoppacher
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Wie soll es nach diesem Debakel weitergehen? Von Bundestrainer Joachim Löw werden nach der historischen Länderspielpleite in Spanien schnelle Antworten erwartet. Auch bei den Fußball-Experten in der Region Hanau wird die Kritik nach der 0:6-Klatsche in Spanien lauter.

Von Frank Schneider

Region Hanau – Die TV-Quote bei Spielen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bleibt weiter unter dem Niveau vergangener Jahre. Nur 7,34 Millionen sahen am Dienstagabend die 0:6-Niederlage der DFB-Auswahl gegen Spanien in der ARD. Auch einige aktive Fußballer und Ehrenamtliche aus Vereinen in der Region Hanau können sich die Spiele der Nationalmannschaft nicht mehr ansehen. Und die, die es gesehen haben, sind kritisch.

EX-Nationalspieler fordert Rückkehr von Hummels und Müller

Dieter Müller (zwölffacher Nationalspieler aus Maintal): „Die Mannschaft hat eindeutig Probleme in der Defensive. Gündogan, Kroos und Goretzka haben viel zu wenig nach hinten gemacht. Der Goretzka ist auch kein defensiver Spieler, sondern muss als Achter hinter den Spitzen stehen. Manche neuen Spieler scheinen mit ihrer Aufgabe im Spanien-Spiel auch überfordert gewesen zu sein. Da stehen Leute auf dem Platz, deren Namen ich noch nie gehört habe. Zu meiner Zeit musste man sich über Monate empfehlen, bis man eine Chance in der deutschen Nationalmannschaft bekam.

Dieter Müller

Ich finde, Löw sollte nicht so stur sein, sich einen Ruck geben und Spieler wie Thomas Müller und Mats Hummels zurückholen. Er sollte sich diesen Fehler eingestehen. Es ist doch egal, wie alt einer ist: Im Nationalteam sollten die Besten spielen. Und da gehören Müller und Hummels zweifellos dazu.“

Gerald Trageser (Ehrenvorstand des Verbandsligisten FC Germania Großkrotzenburg): „Ich hab mir das Spiel erst gar nicht angeschaut. Das ganze System rund um die ‘Mannschaft’ ist kaputt und verkommen. Da schaue ich mir lieber ein Amateur- oder Jugendspiel an oder Samstagsmittags die 3. Liga.“

Unterirdisch und blamabel: Kritik an „saftlosen Fußball-Großverdienern“

Michael Kwasniok (langjähriger Pressesprecher des Gruppenligisten SG Bruchköbel): „Bei allen schon erlebten grenzwertigen Leistungen in der nahen und weiteren Vergangenheit war das Auftreten mehr als unterirdisch und blamabel. Für mich völlig unverständlich, denn selbst eine unterlegene Kreisliga-Mannschaft tritt sicherlich anders auf als diese saft-, kraft- und leblosen Fußball-Großverdiener. Mit dem Alter hat dies auch nichts zu tun, denn alle sind gestandene Bundesligaspieler, zum Teil international erfahren. Den Ruf nach Müller, Boateng und Hummels verstehe ich persönlich nicht, denn die hätten einer nicht funktionierenden Mannschaft auch nicht weitergeholfen.“

Sebastian Rau (Sportlicher Leiter KSV Langen-Bergheim): „Wenn ich ehrlich bin, bin ich aktuell weit weg vom Profisport und dem Fernsehfußball, weil es mich einfach nicht mehr so interessiert. Das Spiel gegen Spanien habe ich nicht gesehen, aber ich denke, dass in der Nationalmannschaft aktuell das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt ist. Jogi Löw hat sich mit der voreiligen Ausbootung von Hummels, Boateng und Müller keinen Gefallen getan. Darüber hinaus glaube ich, dass sich während einer so langen Tätigkeit wie der von Löw immer Mechanismen einschleichen, die dem Leistungsprinzip zuwiderlaufen und die bequem machen. Dieses Problem sehe ich auch bei der Nationalmannschaft und ihrem Umfeld. Die Verantwortlichen befinden sich auch mit dem Kunstprodukt, das sie geschaffen haben, der Eigenvermarktung und dem daraus resultierenden Interessenschwund in einem Teufelskreis, aus dem man nur schwer wieder herauskommt.“

Einschaltquoten für DFB-Team sind zu Recht im Keller

Tom Niegisch (Spieler des Hessenligisten 1. FC Erlensee): „Das Spiel war unterirdisch – die schlechteste Leistung der deutschen Elf seit Jahren. Da braucht man sich nicht wundern, dass die Einschaltquoten dermaßen im Keller sind. Klar, die Mannschaft ist im Umbruch, das sollte auch jedem bewusst sein, aber solch eine Leistung ist definitiv inakzeptabel, egal wie die Umstände drumherum sind. Man muss sich hinterfragen, wie das weitergehen soll, die Fehler analysieren und die richtigen Konsequenzen daraus ziehen.“

Patrick Falk (Ex-Profi und Trainer des A-Ligisten Spvgg. Langenselbold): „Dieses Debakel hat sich über die letzten Monate angekündigt. Ohne die auf ihren Positionen besten deutschen Spieler sollte man besser gar nicht zur Europameisterschaft fahren. Wenn Spieler wie Müller, Boateng und Hummels zu Hause bleiben sollten, dann hat man gestern gesehen, auf was man sich in Zukunft gegen Top-Nationen einstellen kann. Mit Leuten, die in ihren Vereinen nur Ersatz oder gar aussortiert sind, hat man gegen solche Nationen keine Chance. Die Färöer Inseln hätten es gegen Spanien nicht schlechter spielen können. Die Defizite der jungen deutschen Spieler sind offensichtlich. Sie sind taktisch und fußballerisch sehr schlecht ausgebildet, und das zieht sich wie ein roter Faden bis in die U-Teams. Es wird Zeit, dass der Stab um Bierhoff und Löw zurücktritt.“

Fehlt der deutschen Nationalmannschaft ein Leader?

Michael Jung (Trainer TSV Niederissigheim): „Spanien war einfach lauffreudiger, aggressiver und hat uns schon früh unter Druck gesetzt. Ich finde es richtig, dass es in der Nationalmannschaft einen Umbruch gibt. Wir haben auch gute junge Spieler. Ihnen haben aber die Leader wie Müller, Hummels oder Kimmich gefehlt, die auf diesem Niveau die wichtigen Kommandos geben und den Jungs in den Hintern treten.

Michael Jung

Lahm, Müller oder Schweini hätten sich das früher nicht so gefallen lassen. Es ist schade, dass sich niemand mehr mit der Nationalelf identifizieren kann. Das liegt auch an der ständigen Tauscherei. Früher musste man ein Jahr lang Leistung bringen. Heute reichen drei oder vier gute Spiele und man ist dabei. Ich glaube auch, dass Löw die Mannschaft nicht mehr richtig erreicht.“

Dennis Holderried (Spielausschuss-Vorsitzender Kewa Wachenbuchen): „Nach einer halben Stunde habe ich den Fernseher ausgemacht und lieber Playstation gespielt. Mir fehlen aktuell tatsächlich ein bisschen die Worte. Den ultimativen Ratschlag habe ich nicht. Ein Problem der Nationalmannschaft ist, dass es aktuell zu viele Spiele gibt. Früher hat man sich auf Länderspiele gefreut. Heute ist das nicht mehr so. Gerade in der jetzigen Situation, in der ohnehin schon viele Spiele im Verein anstehen, wirkt es auch so, als hätte nicht jeder Spieler noch Lust auf drei zusätzliche Begegnungen mit der Nationalelf, die diese vertraglich vereinbart hat. Bei der EM könnte es ähnlich laufen wie bei der WM 2018. Aber das hat man in der Vergangenheit schon oft gedacht und dann war die Mannschaft auf den Punkt fit. Die Frage ist aber, ob nicht doch mal ein Trainerwechsel nötig wäre. Es ist ja bei uns in der Kreisliga nicht anders: Nach so vielen Jahren nutzt sich vieles einfach ab. Ein neuer Impuls kann da helfen.“

Führungsspieler der Nationalmannschaft haben enttäuscht

Matthias Merten (Teammanager des Gruppenligisten FC Hanau 93 II): „Ich verfolge die Spiele der Nationalmannschaft regelmäßig, doch man ist einfach nur noch fassungslos. Angefangen hat alles mit dem willkürlichen Aussortieren von Spielern. Dass die besten Spieler aus den Vereinen in der Nationalmannschaft spielen sollen, das sehen viele Fußballfans sicherlich genauso wie ich. Irgendwie fehlen unserem Team auf dem Platz Anführer. Als Führungsspieler haben mich Toni Kroos und Ilkay Gündogan beispielsweise sehr enttäuscht.“

Dietmar Böhmert (Spielausschuss-Vorsitzender SV Oberdorfelden): „So wie die Mannschaft im Moment spielt, haben wir gegen keine andere Spitzenmannschaft aus Europa eine Chance. Aktuell haben wir nur Mitläufer und keine Führungsspieler auf dem Platz, die vorangehen. Die Kämpfer wie Schweinsteiger oder Kimmich haben gestern total gefehlt. Es ist schade, dass Löw bisher keinen Spieler gefunden hat, der in solchen Situationen mal auf den Tisch haut. Ich bin der Meinung, dass der Bundestrainer die Spieler nicht mehr erreicht und ausgedient hat. Dem Neuanfang steht er regelrecht im Weg.“

Verständnis für Situation von Nationaltrainer Jogi Löw

Frank Wehr (Trainer SV Kilianstädten): „Mir war im Vorfeld schon klar, dass wir in dieser Zusammensetzung mit Spanien nicht mithalten können. Ich war dann aber trotzdem entsetzt über diesen völlig farblosen Auftritt und gleichzeitig begeistert, was die Spanier abgeliefert haben. Löw, der mir ein bisschen leidgetan hat, weil es überhaupt kein Aufbäumen der Mannschaft gab, hat auch gemerkt, dass in dieser Zusammensetzung kein Krieg zu gewinnen ist. Vielleicht hat er deshalb so resigniert gewirkt. Ich hätte mir gewünscht, dass er mal mehr aus sich herauskommt. Ein Problem ist aktuell, dass in der Nationalmannschaft nicht die spielen, die in den Vereinen die besten Leistungen bringen – Hummels und Müller zum Beispiel. Gleichzeitig sind viele Schlüsselpositionen in den Vereinen nicht von deutschen Spielern besetzt. Das macht es natürlich auch für Löw nicht einfacher. Er wird sich nun sicher auch fragen, ob das jetzt noch weiterhin Sinn macht.“

Ulrich Stechno (stellvertretender Vorsitzender Vicotria Heldenbergen): „Ich habe mir das Spiel nicht angeschaut, weil es mich überhaupt nicht mehr interessiert. Diese Nations League ist totaler Quatsch. Vor allem in der derzeitigen Situation: Bei der Ukraine spielen zwei Corona-positive Spieler. Dann fliegt der ganze deutsche Trupp nach Spanien. Und wir dürfen im Amateurfußball nicht mal trainieren. Außerdem spielen in der Nationalelf Spieler, die in ihren Vereinen auf der Ersatzbank sitzen. Ich bin der Meinung, dass es den Neuanfang braucht, aber nicht nur mit jungen Spielern.“

Zeit für etwas Neues in der deutschen Nationalmannschaft

Albert Repp (Trainer SG Nieder-Mockstadt, ehemals u.a. SG Bruchköbel und SV Kilianstädten): „Ich bin von dieser Mannschaft maßlos enttäuscht, und man darf sich fragen, inwieweit das fußballerisch noch zu vertreten ist, wenn man derart an die Wand gespielt wird. Einen solchen blutleeren Auftritt habe ich von der Nationalmannschaft selten gesehen. Joachim Löw hat sich in jetzt knapp 15 Jahren auf dieser Position mit Sicherheit Meriten verdient, doch es wäre mal Zeit für etwas Neues. Vielleicht käme durch eine andere Führungskonstellation wieder frisches Blut in die Nationalmannschaft.“

Sascha Ries (Spieler des Hessenligisten FC Hanau 93): „Man kann gegen Spanien sicher verlieren, aber die Art und Weise geht für eine ambitionierte Mannschaft gar nicht. Unsere Nationalelf hat sich abschlachten lassen und war mit dem 0:6 am Ende sogar noch gut bedient. In meinen Augen fehlen Führungsspieler. Spaniens Sergio Ramos ist auch nicht mehr der Jüngste, aber er verkörpert Weltklasse. Solche Akteure sind wichtig, um junge Spieler zu führen.

Sascha Ries

Hummels oder Boateng wären in der Abwehr solche Wortführer. Mit der Viererkette, die gegen Spanien und in den Spielen zuvor gespielt hat, wird man im Sommer keinen Titel gewinnen. Dafür fehlt einfach die Qualität. Unabhängig von der klaren Niederlage finde ich, dass die Zeit von Bundestrainer Joachim Löw abgelaufen ist. Sein Glück ist, dass deutsche Toptrainer wie Klopp, Tuchel oder Flick gerade bei Weltklassevereinen sind. Man hätte sich schon viel eher trennen müssen. Vielleicht kam aber die Klatsche ja gerade zum richtigen Zeitpunkt.“

Tim Müller (Spielertrainer des Gruppenligisten Türk Gücü Hanau): „Es gibt aktuell Wichtigeres, über das wir alle reden sollten. Es ist so wie im alten Rom: Brot und Spiele. Der Fußball dient nur zur Unterhaltung, und das Dargebotene ist heute hui und kann morgen pfui sein.“

Von Frank Schneider, David Lindenfeld Und Holger Weber

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