Digitale Vorbereitung: Kevin Kuchler, Kreis-Lehrwart der Schiedsrichtervereinigung Hanau, bereitet den Online-Neulingslehrgang vor.
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Digitale Vorbereitung: Kevin Kuchler, Kreis-Lehrwart der Schiedsrichtervereinigung Hanau, bereitet den Online-Neulingslehrgang vor.

INTERVIEW

Kevin Kuchler macht Lust auf den neuen Schiedsrichter-Lehrgang: Durch das Hobby fürs Leben lernen

  • vonDavid Lindenfeld
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Kevin Kuchler organisiert als Kreis-Lehrwart gemeinsam mit seinen Kollegen von der Schiedsrichtervereinigung Hanau in diesem Jahr erstmals wegen der Corona-Pandemie einen Onlinelehrgang für Neulinge, die ins Schiedsrichterwesen einsteigen wollen – Anmeldungen sind noch möglich.

Hanau – Der 32-Jährige kommt ursprünglich aus Nidderau, wohnt mittlerweile in Niddatal und leitet seit 2002 selbst Fußballspiele. Im Interview spricht er über den veränderten Ablauf des Lehrgangs, Gewalt gegenüber Schiedsrichtern und deren Ansehen.

Wegen der Corona-Pandemie findet der Neulingslehrgang in diesem Jahr erstmals online statt. Was bedeutet das für Sie als Lehrender?

Natürlich ist ein rein digitaler Lehrgang eine große Umstellung und Herausforderung für alle Beteiligten. Er ist mit einem Mehraufwand in der Vorbereitung verbunden. Der Schiedsrichterbereich ist beim Blended-Learning (ein Lernmodell, in dem computergestütztes Lernen und klassischer Unterricht kombiniert werden, Anm. d. Red.) aber schon sehr gut aufgestellt. Wir sehen dem Ganzen positiv entgegen. Es gibt natürlich Vor- und Nachteile. Ich finde, dass die Vorteile überwiegen. Die Teilnehmer müssen abends nicht mehr in ein Sportheim fahren, sondern können in gewohnter Umgebung in einer Videokonferenz lernen. Der Weg zum Computer ist deutlich kürzer als die An- und Abreise. Damit tragen wir dann vielleicht auch ein bisschen zu mehr Nachhaltigkeit bei.

Wie läuft der Lehrgang ab?

Wir haben am 27. Februar vormittags ein Kennenlernen geplant, bei dem schon erste Informationen zum Schiedsrichterwesen vermittelt werden. Im weiteren Verlauf wird es sechs Lehrabende mit Videokonferenzen geben, die eineinhalb Stunden dauern und bei denen die Hauptregeln erklärt werden. Zudem gibt es auch ein E-Learning-Tool. Von den Teilnehmern wird also auch ein Eigenstudium erwartet.

Also sind die Unterschiede zu einem normalen Lehrgang gar nicht so groß?

Genau. Natürlich kann man gewisse Aspekte von Angesicht zu Angesicht besser vermitteln. Das kompensieren wir aber darüber, dass jeder Teilnehmer nach erfolgreichem Abschluss einen geschulten Paten zur Verfügung gestellt bekommt, der mit zu den ersten Spielen fährt und die Schiedsrichterin oder den Schiedsrichter individuell unterstützt. Manchmal kommen Nachfragen auf, die für uns banal sind und die wir in der Form gar nicht mehr auf dem Schirm haben – da kann der Pate dann helfen.

Kann man in diesen Tagen auch schon die Prüfung absolvieren?

Das ist das Schwierigste aktuell. Es gibt eine schriftliche Prüfung, bei der die Regeln abgefragt werden. Die können wir natürlich nicht online durchführen. Auch den körperlichen Leistungstest, bei dem Intervall-Läufe absolviert werden müssen, werden wir unter Einhaltung der Hygieneregeln möglichst zeitnah nachholen, sobald die Kontaktbeschränkungen dies wieder erlauben. Der Termin wird mit den Teilnehmern zusammen festgelegt.

Die Corona-Pandemie sorgt dafür, dass viele Vereine durch Austritte und ausbleibende Neueintritte schon jetzt mit einem Verlust an Mitgliedern zu kämpfen haben oder diesen befürchten. Ist das ein Problem, das auch die Schiedsrichtervereinigung Hanau betrifft?

Aktuell gibt es noch keine Rückmeldungen von Kollegen, die aufhören möchten. Natürlich ist es auch bei uns zu befürchten, dass die Leute jetzt gemerkt haben, wie sie ihre Samstage oder Sonntage auch anders verbringen können. Das Hobby Schiedsrichter ist sehr zeitintensiv, wenn man einen gewissen Anspruch an sich selbst hat. Die Zeit wird zeigen, wie wir nach den Lockerungen weitermachen können und ob es Verluste gibt.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung im Schiedsrichterwesen: Wird es kurz-, mittel- und langfristig noch genügend Unparteiische geben, um alle Partien bis in die unterste Liga abzudecken?

2012 gab es in Deutschland ungefähr 80 000 Schiedsrichter. 2018 waren wir bei 56 000 Schiedsrichtern. Der Rückgang ist enorm. Das macht sich gerade im Amateurbereich und den unteren Ligen bemerkbar, wo kurzfristig nicht mehr alle Spiele mit Schiedsrichtern besetzt werden können. Ich hoffe natürlich, dass es mit dem Schiedsrichterwesen wieder bergauf geht. Der DFB versucht in letzter Zeit mit Imagekampagnen wie der Dokumentation über Deniz Aytekin dieses Hobby transparenter zu machen und zu zeigen, dass wir genauso Sportler sind, die ihr Hobby ausüben wie die Fußballer. Natürlich stehen wir öfter im Fokus. Aber gerade bei den Amateuren sage ich immer: Der Schiedsrichter ist genauso ein Sportler wie der Fußballer und macht im Spiel viel weniger Fehler als die Spieler. Wir sind keine Profis. Von uns werden oft Sachen erwartet, für die wir gar nicht da sein sollten und die wir nicht leisten können.

Warum ist das Interesse am Schiedsrichterwesen nicht größer?

Ich vergleiche das in letzter Zeit gerne mit den systemrelevanten Berufen: Wir werden gefühlt immer noch von vielen als notwendiges Übel angesehen und nicht als wichtiger Teil des Ganzen. Ein Beispiel: Wenn ein Neuling sagt, er will an einem Lehrgang teilnehmen, wird er oft erst mal mit großen Augen und Verwunderung angeschaut. Das Ansehen der Schiedsrichter ist nicht so hoch, wie man sich das wünscht. Das liegt auch an vielem, was in der Bundesliga zu sehen ist. Daran orientiert sich der Amateurbereich leider. Ein weiterer Punkt sind die Gewaltfälle, die in den Medien sehr extrem dargestellt werden, die aber wirklich selten vorkommen.

Sie sprechen es an. Ein Hemmnis ist für viele die Gewalt gegenüber Schiedsrichtern. Hat sie in den vergangenen Jahren zugenommen?

Nein. Es gibt Studien, die diese These ganz klar widerlegen. Das mediale Interesse in solchen Fällen ist viel größer geworden. Es wird mehr aufgearbeitet. Und es dringt mehr nach außen als früher, weil durch die Digitalisierung auch viel mehr Vorfälle festgehalten werden.

Sind Sie selbst schon Opfer von verbaler oder physischer Gewalt geworden?

Nein, noch nie. Klar gibt es mal einen Spruch, aber das würde ich auch nicht als verbale Gewalt werten. Wichtig ist, das sage ich auch immer den Schiedsrichtern: Man muss sich als Schiedsrichter in einer Rolle sehen und darf das nicht persönlich nehmen.

Sind die Zahlen der Anmeldungen für den Neulingslehrgang zufriedenstellend?

Angesichts der Corona-Situation sind die Anmeldezahlen zufriedenstellend. Der Lehrgang richtet sich an keine feste Zielgruppe. Wir hoffen, dass wir die Anzahl weiblicher Schiedsrichterinnen erhöhen können und dass wir vielleicht ein paar erfahrene Kicker animieren können. Gerade die, die in den letzten Monaten gemerkt haben, dass es auch mal gut ist, wenn einem die Knochen montags nicht so weh tun.

Warum sollte man Schiedsrichter werden?

Es ist einfach ein super abwechslungsreiches Hobby, bei dem die eigene Persönlichkeit sich sehr stark entwickelt. Ich kann mich da selbst nur einschließen, was die Persönlichkeitsbildung angeht. Man entwickelt eine besondere Entschlusskraft, Menschenkenntnis und Empathie, was vor allen Dingen später bei einer Bewerbung oder beim Arbeitgeber gut ankommt. Viele, die bei uns schon länger dabei sind, haben mittlerweile eine Führungsposition in ihrem Job inne. Denen kommt das Hobby quasi zu Gute.

Das Gespräch führte David Lindenfeld

Infos und Anmeldungen: » srvgg-hanau.de

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