Vorsätzlicher Ausverkauf? Vor dem Landgericht Hanau wird die Pleite der Herrenkleiderfabrik Philipp aufgerollt. (Archivbild)
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Vorsätzlicher Ausverkauf? Vor dem Landgericht Hanau wird die Pleite der Herrenkleiderfabrik Philipp aufgerollt. (Archivbild)

Quartett vor Gericht

Insolvenz der Kleiderfabrik Philipp: Haben die Geschäftsführer zu Schleuderpreisen verkauft?

  • Thorsten Becker
    vonThorsten Becker
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Sechs Jahre ist die plötzliche Insolvenz der Kleiderfabrik Philipp aus Hanau her. Nun werden die dubiosen Machenschaften beim Traditionsunternehmen vor Gericht aufgerollt.

Hanau - Jahrzehntelang haben die Mitarbeiter der Herrenkleiderfabrik J. Philipp GmbH Anzüge sowie Jacketts hergestellt und Maßarbeit geleistet. Plötzlich war das Hanauer Traditionsunternehmen an der Hochstädter Landstraße pleite. Die Gerüchte und Vorwürfe, dass bei der Insolvenz der Firma im Jahr 2015 nicht alles mit rechten Dingen gelaufen sein könnte, sind fast in Vergessenheit geraten.

Doch am Dienstagmorgen, sechs Jahre nachdem 100 Philipp-Mitarbeiter vor die Tür und vollendete Tatsachen gesetzt wurden, sitzen vier Männer auf der Anklagebank der 5. Großen Wirtschaftsstrafkammer am Hanauer Landgericht. Sie kommen aus Berlin und Kempten im Allgäu, drei geben „Kaufmann“ als Beruf an, einer von ihnen „Rechtsanwalt“.

Fabrik Philipp in Hanau: Bankrott und Insolvenzverschleierung als Vorwurf

Das Quartett, von November 2014 bis Mai 2015 in unterschiedlichen Konstellationen in der Geschäftsführung der Philipp GmbH verantwortlich, muss sich von Staatsanwalt Mathias Pleuser schwere Vorwürfe anhören. Denn sie müssen sich wegen Insolvenzverschleppung sowie Bankrotts verantworten.

Der erste Vorwurf: Drei der Männer sollen von der Zahlungsunfähigkeit der Firma gewusst, jedoch nicht rechtzeitig den Insolvenzantrag beim Amtsgericht gestellt haben. Der zweite Vorwurf ist noch schwerwiegender: Die Geschäftsführer sollen als Bankrotteure die wirtschaftliche Schieflage des Unternehmens „verschleiert“, die Zahlungsunfähigkeit herbeigeführt und Vermögenswerte beiseite geschafft haben. Dadurch seien Gläubiger und Mitarbeiter leer ausgegangen.

Zahlung an Mutterunternehmen soll zur Pleite von Philipp geführt haben

Als Ursache für die plötzlich Pleite der zuvor jahrelang florierenden Firma, die von dem Unternehmen C. Hoppegarten bei Berlin übernommen worden war, bezeichnet Staatsanwalt Pleuser den 3. November 2014. An diesem Tag sollen die damaligen Geschäftsführer 2,8 Millionen Euro an das Mutterunternehmen in Brandenburg überweisen haben. Das habe mit zur Zahlungsunfähigkeit geführt, denn die Banken hatten die Kreditlinie auf „null“ gesetzt.

Dann sei Rechtsanwalt Dr. S. ins Spiel gekommen, gleichzeitig Geschäftsführer eines von zwei Unternehmen, die auf Abwicklungen spezialisiert sein soll. Staatsanwalt Pleuser nennt es jedoch eine „Firmenbeerdigung“ mit Umfirmierung und Sitzverlegung. Und er nennt auch die Summen: S. sowie ein anderer Geschäftsführer sollen 200 000 Euro für ihre Dienste erhalten haben.

Fabrik Philipp in Hanau: Maschinenpark über Strohfirmen verkauft?

Was bis zur endgültigen Liquidation passiert ist, fasst Pleuser zusammen: „Waren sind zu Schleuderpreisen verkauft worden, der Maschinenpark für 75 000 Euro, obwohl der Verkehrswert bei rund 200 000 Euro lag.“ Den Reibach soll dabei übrigens die Firma C. gemacht haben, denn sie soll die Maschinen über Strohfirmen gekauft haben. Damit seien der J. Philipp GmbH Geld entzogen und schließlich sämtliche Gläubiger hinters Licht geführt worden.

Der erste Verhandlungstag in diesem Strafprozess verläuft zuvor alles andere als nach Maß. Denn die vier Verteidiger versuchen, das komplette Verfahren zu kippen. Allen voran Rechtsanwalt Dr. Ulrich Wehner, der in einem mehrseitigen Antrag versucht, die Verlesung der Anklageschrift zu verhindern und die Einstellung des Verfahrens fordert, weil die Vorwürfe mangelhaft formuliert seien. Auch an der pandemiebedingten Sitzordnung wird gemäkelt, ebenso bemängelt eine Verteidigerin eine fehlende WLAN-Verbindung.

Doch die Wirtschaftsstrafkammer unter dem Vorsitz von Dr. Mirko Schulte sieht keine Mängel in der Anklage und weist den Antrag zurück. Auch für die Internetverbindung wird gesorgt mit der feinsinnigen Bemerkung des Vorsitzenden: „Wir sind in Hessen, nicht in Berlin – wir helfen gerne.“ Der Prozess wird am Dienstag, 4. Mai, fortgesetzt. (Thorsten Becker)

Auch Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky musste sich im Zuge der Insovlenz der Kleiderfabrik Philipp erklären. Ihm wurde vorgeworfen, früher von der Abwicklung gewusst zu haben als bekannt war.

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