Alteingesessene Hanauer Marke: Nach der Pleite von J. Philipp soll es nun ein zweiter Bankrott-Prozess vor dem Landgericht beginnen.
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Alteingesessene Hanauer Marke: Nach der Pleite von J. Philipp soll es nun ein zweiter Bankrott-Prozess vor dem Landgericht beginnen.

Hanau: Neuer Prozess um Philipp-Pleite

Mutmaßlicher Bankrotteur sitzt hinter Gittern

  • Thorsten Becker
    VonThorsten Becker
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Überraschend schnell kommt es vor dem Landgericht zu einem weiteren Strafprozess rund um die Pleite der Herrenkleiderfabrik, denn der mutmaßliche Bankrotteur Christian F. aus Berlin ist inzwischen festgenommen worden. Unterdessen arbeitet der Insolvenzverwalter daran, rund 1,5 Millionen Euro zu verteilen, die nun eingegangen sind. Daher könnten die rund 80 ehemaligen Mitarbeiter des Unternehmens zumindest auf kleine Nachzahlungen der entgangenen Löhne hoffen.

Hanau - Die jüngste Entscheidung der 5. Wirtschaftsstrafkammer hatte im Juni für Aufsehen gesorgt. Denn die vier ehemaligen Philipp-Geschäftsführer, die wegen Insolvenzverschleppung und Bankrott angeklagt waren, hatten Fehler eingeräumt. Die Richter unter Vorsitz von Landgerichtsvizepräsident Dr. Mirko Schulte hatten schließlich eine geringe Schuld festgestellt und das Verfahren gegen das Quartett eingestellt.

Hanauer Gericht: Ehemalige Philipp-Geschäftsführer müssen Rekordsumme zahlen

Nach der Beweisaufnahme kam die Kammer zu dem Schluss, dass vor allem die beiden Geschäftsführer eines Textilunternehmens in Brandenburg, das J. Philipp übernommen hatte, nicht die – wie lange behauptet – „Heuschrecken“ gewesen sind. Sie hätten bereits ein marodes Unternehmen übernommen und mehrere Millionen in den Standort an der Hochstädter Landstraße investiert. Unter dem Strich hatten die Investoren ein dickes Minus verbucht. Weil das Ende jedoch nicht „astrein“ gewesen sei, hatten die Angeklagten insgesamt die rekordverdächtige Geldauflage von 1,7 Millionen Euro gezahlt. 1,5 Millionen davon in die Insolvenzmasse, 200 000 Euro an gemeinnützige Zwecke in der Hanauer Region. Ursprünglich waren es fünf Angeklagte. Doch Christian F. hatte sich dem Hanauer Strafverfahren durch Flucht entzogen. Der Angeklagte, der in Zusammenhang mit Firmenbestattungen bereits in Offenbach und Saarbrücken verurteilt worden war und in Strafhaft saß, hatte über gesundheitliche Probleme geklagt. Daher war die Haft in Berlin-Plötzensee unterbrochen worden. Das soll F. genutzt haben, um sich abzusetzen.

Zielfahnder fassen mutmaßlichen Bankrotteur in Danzig

Die Strafkammer hatte daher das Verfahren gegen ihn abgetrennt und einen Haftbefehl erlassen. Diese richterliche Anordnung haben Zielfahnder und polnische Polizisten schnell ausgeführt und F. in Danzig verhaftet. Er sitzt nun in Untersuchungshaft – gegen ihn sollen weitere Haftbefehle vorliegen. Besonders kurios: Während seiner Flucht soll er in Berlin rund 40 000 Euro an Corona-Soforthilfen ergaunert haben. Im ersten Philipp-Prozess war F. schwer belastet worden. Er soll derjenige sein, der für die Demontage des Maschinenparks verantwortlich ist. Ob das tatsächlich so gewesen ist, will die 5. Strafkammer nun zeitnah aufklären und hat den Prozessbeginn auf den 23. September anberaumt.

Sieben Jahre nach der Pleite: Können die geschassten Ex-Mitarbeiter nun auch Nachzahlungen hoffen?

Für die ehemaligen Beschäftigten des renommierten Betriebs, die im März 2015 auf die Straße gesetzt worden waren, gibt es allerdings noch eine gute Nachricht: Rechtsanwalt Frank Schmitt, der vom Amtsgericht bestellte Insolvenzverwalter, hat nun eine Insolvenzmasse von 1,5 Millionen Euro zu bearbeiten, die er im Rahmen einer Quotenausschüttung an die Gläubiger verteilen muss.

Dazu gehören neben anderen Firmen, die auf ihren Rechnungen sitzen geblieben sind, auch die Ex-Mitarbeiter, die von einem auf den anderen Tage gefeuert worden waren. Schmitt bittet die Ex-Mitarbeiter jedoch um Geduld. Denn bei ihnen geht es hauptsächlich um den Differenzbetrag zwischen dem Insolvenz- oder Arbeitslosengeld und dem eigentlichen ordentlichen Monatsverdienst. Im Normalfall also die Differenz aus drei Monaten. Doch bis es so weit ist, muss noch viel gerechnet und eine Gläubigerversammlung einberufen werden. Aber eines verspricht Schmitt: „Alle Anspruchsberechtigten werden von mir kontaktiert.“

Von Thorsten Becker

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