Im Fokus der Medien: Das Hanauer Schwurgericht unter dem Vorsitz von Landtagspräsidentin Susanne Wetzel (rechts) und Richter Dr. Niels Höra.
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Im Fokus der Medien: Das Hanauer Schwurgericht unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel (rechts) und Richter Dr. Niels Höra.

Aus dem Gericht

Offener Schlagabtausch zum Prozessauftakt um Kindermord in Hanau

  • Yvonne Backhaus-Arnold
    VonYvonne Backhaus-Arnold
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  • Thorsten Becker
    Thorsten Becker
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Der Auftakt im zweiten Mordprozess um den grausamen Tod des vierjährigen Jan H. innerhalb einer mutmaßlichen Sekte in der Hanauer Weststadt gerät am Dienstag gleich zu einem Schlagabtausch zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung, die zudem das Gericht angreift.

Hanau - Am Ende der fast eineinhalbstündigen Erklärungen und Vorwürfe bleibt zunächst nur die Aussage von Verteidiger Thomas Scherzberg, die alle im Saal bereits als wahr unterstellen können: „Das wird ein schwieriger Prozess.“ Der Schwurgerichtssaal ist bis auf den letzten Platz besetzt als die 60-jährige Claudia H. in Handschellen aus der Untersuchungshaft vorgeführt wird.

Ihre Verteidiger schirmen sie ab, vor dem Blitzlicht, den vielen Kameras, die auf H. gerichtet sind. Wie eine Mauer stehen sie vor ihr, halten einen Akteneinband in Kopfhöhe. Nur kurz ist sie für die Fotografen sichtbar. So abgeschirmt nimmt sie schließlich auch auf der Anklagebank Platz. Als die Fotografen und Fernsehteams den Gerichtssaal verlassen haben, lässt Claudia H. ihre Augen kurz durch den Zuschauerraum wandern, ihre Verteidigerin schenkt ihr ein aufmunterndes Lächeln. H. setzt die Mundschutzmaske ab.

Hanau: Mutmaßliche Sektenführerin wurde schon 2020 wegen Mordes verurteilt

Vor fast zwei Jahren hatte H. schon einmal im Saal 215 gesessen. Allerdings als Zeugin. Ihre Haare sind nicht mehr so akkurat kurz geschnitten wie in jenen Oktobertagen 2019. Graue Strähnen durchziehen das Braun. Die Haut ist fahl. H. hat Ringe unter den Augen. Die Hanauerin, die seit fast zwölf Monaten in Untersuchungshaft sitzt, scheint um Jahre gealtert zu sein.

Damals hatte sie versucht, ihre „Freundin“ Sylvia D. in Schutz zu nehmen. D., die mutmaßliche Anführerin einer obskuren Sekte in der Hanauer Weststadt war jedoch vor fast einem Jahr wegen Mordes an dem vierjährigen Jan H. zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil sie den vierjährigen Jan H. aus niedrigen Beweggründen in einem verschnürten Sack hatte ersticken lassen.

Mutter des getöteten Kindes steht jetzt vor dem Hanauer Schwurgericht

Nun muss sich Claudia H., die Mutter von Jan, für das verantworten, was am 17. August 1988 geschehen ist. Auch sie steht unter einer Mordanklage, die Oberstaatsanwalt verliest. Der schwerste Vorwurf: „Die Angeklagte wusste, dass Sylvia D. ihr Kind sterben lassen würde.“ Zuvor habe sie das quengelnde Kind, dass sich eingenässt habe, mit „Haferflocken vollgestopft“.

Die Angeklagte: Claudia H. (links) wird von ihrer Verteidigerin vor den Kameras abgeschirmt.

Claudia H. hatte bereits im ersten Prozess ausgesagt, dass sie den Vierjährigen, der in einem kleinen Badezimmer geschlafen habe, selbst in den Leinensack gesteckt habe. Dann sei sie an diesem Mittwochmittag auf den Wochenmarkt gefahren und habe Jan in der Obhut von Sylvia D. gelassen.

Angeklagte soll schreiendes Kind seinem Schicksal überlassen haben

D., so Mies weiter, sei dem „verzweifelt schreienden Kind“ aber nicht zu Hilfe gekommen, sondern habe es seinem Schicksal überlassen. Jan sei ohnmächtig geworden und erstickt. Das Motiv für dieses Verbrechen sei der Machterhalt von D. als Anführerin innerhalb der Sekte gewesen, in der D. als eine Art Nachfolger von Jesus direkten Kontakt zu Gott („der Alte“) halte.

Dieser habe ihr die Eingebung gegeben, der Bub solle „abgeräumt werden“ weil er von „den Bösen besessen“ und eine „Reinkarnation Hitlers“ sei. Claudia H. sei deshalb auch des Mordes aus niedrigen Beweggründen schuldig, so der Oberstaatsanwalt.

Prozess in Hanau: Verteidiger der Angeklagten attackieren Staatsanwaltschaft

Normalerweise folgen nach einer solchen Anklage zunächst Belehrungen der Angeklagten, dass sie sich äußern, aber auch schweigen darf. Doch es kommt ganz anders, denn offenbar stehen die beiden Verteidiger angesichts der Beweislast aus dem ersten Verfahren mit dem Rücken an der Wand. So holen Scherzberg und seine Kollegin Wiebke Otto-Hanschmann mit einer „Gegenerklärung“ gleich zu einem juristisch fein formulierten Rundumschlag gegen die Staatsanwaltschaft und das Schwurgericht selbst aus.

Die Ankläger: Oberstaatsanwalt Dominik Mies (links) und Staatsanwalt Florian Hübner.

Die Rechtsanwältin verweist darauf, dass Claudia H. eine „verzweifelte Mutter“ sei, die „medial vorverurteilt“ worden sei. Zudem sei das „Sektengemurmel“ in diesem Fall „fehl am Platz“, weil es sich um „ein Strafgericht und keine moralische Instanz“ handele. Und dann kommt Otto-Hanschmann zum Kern: H. war im ersten Prozess als Zeugin an vier Tagen insgesamt 17 Stunden lang vernommen worden und hatte sich damit selbst schwer belastet. „Sie wurde aber nicht belehrt, dass sie sich nicht selbst belasten muss“, so die Anwältin, die sich danach in Vorwürfe der „Willkür“ versteigt.

Angeklagte will am zweiten Prozesstag aussagen

Volle Breitseite gibt es auch gegen die Kammer unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel. Vor allem sind dem Verteidiger-Gespann die beiden beisitzenden Richter ein Dorn im Auge, denn sie waren bereits im ersten Prozess gegen Sylvia D. beteiligt. Zwei Befangenheitsanträge waren jedoch bereits im Vorfeld des Prozesses abgelehnt worden.

Und Scherzberg versucht gleich, im Detail Fehler zu sehen: Im Urteil gegen Sylvia D. sowie in einem Haftbefehl seien unterschiedliche Größen für den Sack angegeben worden. Dem Sack, in dem Jan H. erstickt ist. Für den zweiten Verhandlungstag kündigt das Verteidiger-Duo eine Aussage seiner Mandantin an. Wie umfangreich die Angaben sein werden, will die Präsidentin wissen. „Das kann dauern“, erwidert Scherzberg knapp. (Thorsten Becker Und Yvonne Backhaus-Arnold)

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