Nicht zum Verwechseln ähnlich, aber optisch nah dran am Idol: Wolfgang Niedecken gastierte mit seiner Dylan-Hommage im gut besuchten, aber nicht ganz ausverkauften Amphitheater.
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Nicht zum Verwechseln ähnlich, aber optisch nah dran am Idol: Wolfgang Niedecken gastierte mit seiner Dylan-Hommage im gut besuchten, aber nicht ganz ausverkauften Amphitheater.

Auf den Spuren des Meisters

Wolfgang Niedecken liest und singt Bob Dylan im Amphitheater in Hanau

  • Katrin Stassig
    VonKatrin Stassig
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Der Abend beginnt und endet mit einem Versprechen: „Nächstes Jahr stehen wir hier mit der Band“, sagt Wolfgang Niedecken auf der Bühne des Amphitheaters. „Ihr müsst aber allen weitersagen, dass sie sich impfen lassen sollen – sonst wird das nix.“ Auch den Impfappell wiederholt er zum Abschied. Eine Tour mit BAP ist für nächstes Jahr geplant, inklusive eines Termins in der Region am 3. November 2022. Allerdings nicht in Hanau, sondern in der Frankfurter Jahrhunderthalle.

Hanau - Derweil genießt es der Frontsänger bei seiner Solo-Tournee, wieder vor „richtigen Menschen“ spielen zu können. Der Auftritt im Amphitheater ist der 22. mit seiner Dylan-Hommage – von Ermüdung keine Spur. Gut zweieinhalb Stunden sitzt Niedecken an diesem Mittwochabend auf der Bühne. Am Piano begleitet ihn Mike Herting, „den kenne ich länger, als es BAP gibt“, also mehr als 45 Jahre.Vor Niedecken auf dem Tisch liegt das Buch, das die Basis für das aktuelle Programm bildet: „Wolfgang Niedecken über Bob Dylan“ ist dieses Jahr in der KiWi-Musikbibliothek erschienen. Er sei gefragt worden, ob er zu dieser Reihe beitragen möchte, in der Autoren über ihre Idole schreiben. „Gerne, aber ich weiß nicht, wann“, lautete seine erste Antwort. „Dann kam Corona, und ich hatte plötzlich den ganzen Sommer über Zeit.“

Das Buch erzählt von einer Reise durch die USA: 2017 hat sich Niedecken für eine fünfteilige Arte-Doku auf die Spuren von Bob Dylan begeben. Verwoben ist das mit Anekdoten und Geschichten über den Meister, mit Erinnerungen an Begegnungen mit ihm oder seinen Weggefährten – und darüber, wie er Niedeckens eigene musikalische Entwicklung geprägt hat.

Die Reise beginnt auf den Stufen des Lincoln Memorial, wo Bob Dylan 1963 den „March to Washington“ begleitete. Mit „The Times They Are a-Changin’“ gibt Niedecken die Hymne der Protestbewegung zum Besten. Mit Gitarre und Mundharmonika, Sonnenbrille und Schlapphut, grauen Locken und Kinnbart erinnert der 70-Jährige auch optisch an sein Vorbild. Der Songwriter beeinflusst den Kölner seit dessen Jugend, was ihm schon zu Beginn seiner Karriere den Spitznamen „Kölscher Dylan“ eingebracht hat.

„Girl from the North Country“ ist, so erzählt Niedecken dem Hanauer Publikum, das erste von vielen Dylan-Liedern, die er ins Kölsche übersetzt hat. Einen Platz auf einem Album habe „Wo dä Nordwind weht“ aber nie gefunden. Im Gegensatz zu vielen anderen Übersetzungen: 1995 hat er mit „Leopardefell“ (in Anlehnung an „Leopard-Skin Pill-Box Hat“) sogar ein Solo-Werk nur mit Kölschen Dylan-Songs herausgebracht. In Hanau steht aus diesem Album unter anderem „Viel passiert sickher“ auf der Setlist. Das Original, „My Back Pages“, hat Wolfgang Niedecken 1992 zum 30. Bühnenjubiläum von Bob Dylan auf der Bühne des New Yorker Madison Square Garden live erlebt. Für ihn war es der Höhepunkt des Abends, als der Meister die Strophen im Wechsel mit anderen Rock-Größen sang: Tom Petty, Neil Young, Eric Clapton, George Harrison, und Byrds-Sänger Roger McGuinn.

Ganz anders ist ihm ein Konzert in der Festhalle Frankfurt in Erinnerung geblieben: Tom Petty und Roger McGuinn traten vor Bob Dylan auf. Alles lief gut – „bis zum Auftritt des Meisters, der lustlos auf seiner Gitarre klimperte“.

Ein Höhepunkt für das Hanauer Publikum ist Niedeckens Version von „The Mighty Quinn“ („Quinn dä Eskimo“). Die Strophen singt er auf Kölsch, den Refrain zum Mitgrölen auf Englisch. So hält er es auch bei anderen Stücken, zum Beispiel bei „Like a Rolling Stone“. Die Übertragung dieses Textes ins Kölsche stellte sich als Herausforderung dar. Es sei ihm nicht besonders gut gelungen, findet Niedecken. Aber mittlerweile habe er mit der „suboptimalen Übersetzung“ seinen Frieden gemacht.

Auf seine Frage, ob denn überhaupt jemand den rheinischen Dialekt versteht, gehen im Amphitheater nur wenige Hände nach oben. Macht aber nix. Und bei „You Ain’t Goin’ Nowhere“ („Du gehst nirgendwo hin“) gibt es dann neben einer bayerischen sogar eine hessische Strophe, die Pianist Mike Herting vorträgt. Der Applaus ist ihm sicher.

In den gut zweieinhalb Stunden hat sich das Publikum kein einziges Mal gelangweilt. Und ob man nun wegen Niedecken gekommen ist oder wegen der Dylan-Hommage oder einfach nur, weil man gute Musik hören will, spielt keine Rolle. Gut unterhalten wurde jeder.

(Von Katrin Stassig)(

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