Zaungäste bei den Mordermittlungen: Die beiden Staatsanwälte Markus Jung und Lisa Pohlmann und die Hanauer Kripo haben im Juli 2020 kurz nach Bekanntwerden des Kapitalverbrechens am Sandweg ermittelt. Weil sich angrenzend ein Gatter befindet, wurde die Sondergruppe für die Aufklärung des Falls „AG Alpaka“ genannt. Archivfoto: Mike Bender
+
Zaungäste bei den Mordermittlungen: Die beiden Staatsanwälte Markus Jung und Lisa Pohlmann und die Hanauer Kripo haben im Juli 2020 kurz nach Bekanntwerden des Kapitalverbrechens am Sandweg ermittelt. Weil sich angrenzend ein Gatter befindet, wurde die Sondergruppe für die Aufklärung des Falls „AG Alpaka“ genannt. Archivfoto: Mike BEnder

Prozess um Bluttat in Erlensee

Ermittler werten Handydaten aus: „Zeuge“ wird plötzlich zum Mordverdächtigen

  • Thorsten Becker
    VonThorsten Becker
    schließen

Bei den Ermittlungen am Sandweg in Erlensee hat die Hanauer Kriminalpolizei umfangreiche Handydaten unter die Lupe genommen. Dabei erleben sie eine Überraschung: Ein Mann, der sich zuvor als Zeuge gemeldet hat, gerät plötzlich ins Visier der Ermittler. Jetzt sitzt er auf der Anklagebank des Hanauer Landgericht und steht unter Mordverdacht.

Erlensee/Hanau - Als die blutüberströmte Leiche der 47-jährigen Susanne W. am Sandweg entdeckt wird, hat Herr H. alle Hände voll zu tun. In den Tagen und Wochen danach ist er einer von mehreren Experten aus dem Kommissariat 11, das bei der Hanauer Polizei zur Aufklärung von Kapitalverbrechen zuständig ist und diesen Fall lösen will. Der 33-jährige Oberkommissar hat eine umfassende Aufgabe und taucht tief in die Welt der digitalen Daten ein. „Ich war schon sehr erstaunt, was bei Google und Co. alles gespeichert wird“, sagt er heute vor der Schwurgerichtskammer des Hanauer Landgerichts.

Dort muss sich seit Anfang des Monats der 41-jährige Ingo K. wegen Mordes an der Altenpflegerin verantworten. Er schweigt bislang zu den schweren Vorwürfen, die Staatsanwältin Lisa Pohlmann in ihrer Anklage erhoben hat. K. soll seine Geliebte heimtückisch und aus Habgier gewürgt und erstochen haben (wir berichteten).

Ermittler geben detaillierten Einblick in die Ermittlungen zum Erlenseer Mordfall

Nachdem zahlreiche Ex-Freundinnen ausgesagt hatten und den 41-Jährigen als charmant, manipulierend und schließlich als verlogen charakterisiert hatten, sind es nun die Ermittler, die detailliert über ihre Arbeit berichten. Denn auf K. als mutmaßlichen Mörder sind die Kriminalisten nicht durch Zufall gekommen. Der 41-Jährige hat sich – aus welchen Gründen auch immer – selbst der Polizei anvertraut. Als Zeuge. Er habe W. gekannt, meldete er per Telefon.

Doch noch ahnt am Freiheitsplatz keiner der Beamten, dass der Schein trügt. Dass K. nämlich mehr sein könnte als nur ein „Zeuge“. Die Ermittlungen, mit denen H. betraut ist, benötigen sehr viel Zeit. Inzwischen hat sich die Sonderkommission „AG Alpaka“ gegründet. Der Name ist deshalb entstanden, weil direkt am Sandweg ein Gehege mit den südamerikanischen Tieren existiert. Die Alpakas dürften die einzigen Lebewesen sein, die gesehen haben, wie der Täter vom Sandweg geflüchtet ist.

Daten aus dem Handy zeigen: Ingo K. ist in der Tatnacht in der Wohnung der 47-Jährigen in Erlensee

Nun werden von den Ermittlern Daten aus Mobiltelefonen gesichert und ausgewertet, Zeugen im Umfeld befragt. Daraus ergeben sich zahlreiche Puzzleteile, die zusammengesetzt werden müssen. „In einem Handy waren über 700 Telefonkontakte gespeichert“, so der Kriminaloberkommissar. Erste wichtige Hinweise kommen, als die Daten von den Mobilfunkmasten rund um den Tatort ausgewertet und abgeglichen werden. „Wir hatten plötzlich eine überschaubare Zahl von Telefonnummern, die sich zum fraglichen Zeitpunkt in der Nähe des Tatorts aufgehalten haben“, so H. zu den Anfängen einer Schlaufe, die durch Teamwork immer weiter zugezogen wird. Denn auch Kriminalhauptkommissar F. ist seit der ersten Minute mit dem grausamen Fall beschäftigt. Er befragt Zeugen. Darunter auch Ingo K., der sich gemeldet hatte.

Doch eines ist komisch: Den dringenden Bitten, ins Kommissariat zu kommen, um eine Zeugenaussage zu machen, kommt K. nicht nach. Zwei vereinbarte Termine werden kurzfristig von ihm abgesagt. Also fährt der Hauptkommissar bis nach Lauterbach, wo sich K. bei einer Freundin aufhält. Die Aussage ist zunächst ernüchternd: Beide haben sich gekannt, K. gibt an, Susanne W. besucht zu haben. Und für die Nacht zum 21. Juli präsentiert er ein Alibi: In diesem Stunden sei er in Linsengericht gewesen, wo er eine Wohnung besitzt.

Zurück im Kommissariat werden die beiden Ermittler stutzig. „Was K. gesagt hat, war plötzlich unglaubwürdig.“ Denn das Mobiltelefon des 41-Jährgen ist in der Nacht der Bluttat in Erlensee geortet worden. Also rückt der „Zeuge“ ins Visier. Eine Telefonüberwachung wird richterlich angeordnet, am 5. August rückt ein Spezialkommando an, um K. in Linsengericht zu verhaften. Für Oberkommissar H. ist das Puzzle damit noch lange nicht beendet. Er trägt alle digitalen und konventionellen Spuren zusammen und fügt sie in eine grafische Zeitachse ein. Hinzu kommt ein fast 180 Seiten umfassender „Sonderband“ zur Ermittlungsakte.

Lob von der Landgerichtspräsidentin für Hanauer Ermittler

Aus der Übersicht ist erkennbar, dass sich K. zwischen 22.39 und 0.30 Uhr am Sandweg aufgehalten haben könnte. Erst gegen 2.19 Uhr tauchen die Funksignale von Ks. Handy wieder im Funknetz von Linsengericht auf. Doch H. findet noch weitaus mehr Hinweise, vor allem zu den Hintergründen der Beziehung. „Beide haben sich über das Internet kennengelernt, dann gab es eine Pause.“ Im Juni 2020 soll es dann wieder zunächst Chat-Kontakte, dann auch sexuelle Kontakte gegeben haben.

Allerdings nehmen die Kommissare die Zahlenkolonnen sehr genau unter die Lupe und stoßen auch auf Ungereimtheiten. Denn K. hat offenbar noch ein zweites Handy, dessen Daten angeblich gegen 20.39 Uhr in Erlensee registriert werden. Laut anderen Indizien kann er zu diesem Zeitpunkt aber gar nicht vor Ort gewesen sein.

Dennoch kommt die Arbeit der „AG Alpaka“ vor der Schwurgerichtskammer gut an. Auch bei Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel, die schon mehrfach Kritik an Ermittlungen geübt hat. Diesmal nicht: „Das hat mir sehr gut gefallen, wir haben eine nachvollziehbare Übersicht bekommen. Sie haben eine hervorragende Polizeiarbeit geleistet“, gibt sie den Zeugen mit auf den Weg. (Von Thorsten Becker)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema