Kleines Fußball-Museum: Kai Schwindt aus Hanau hat ein Paradies für Fußball-Liebhaber geschaffen. Hier sind Berni, das Maskottchen der EM 1988, sowie ein Trikot der EM 1992 mit Unterschrift von Rudi Völler zu sehen.
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Kleines Fußball-Museum: Kai Schwindt aus Hanau hat ein Paradies für Fußball-Liebhaber geschaffen. Hier sind Berni, das Maskottchen der EM 1988, sowie ein Trikot der EM 1992 mit Unterschrift von Rudi Völler zu sehen.

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Reise durch Europa: Der deutsche Fußballverrückte

  • Thorsten Jung
    vonThorsten Jung
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Kapitän Manuel Neuer hat am Montag sein 100. Länderspiel bestritten. Kai Schwindt hat auch etwa 100 Spiele der deutschen Nationalmannschaft live im Stadion erlebt. Darunter einige EM-Spiele. Die DFB-Elf ist für den Hanauer diesmal eine große Wundertüte.

Hanau – Sein erstes Europameisterschaftsspiel endete gleich mit dem EM-Titel. Kai Schwindt war bei sechs Kontinentalturnieren in den Stadien, erstmals 1996 im Wembley-Stadion. Oliver Bierhoffs Golden Goal, das den 2:1-Sieg über Tschechien bedeutete, erlebte er hautnah. Als eingefleischter Fan der Offenbacher Kickers war er „ganz spontan“ mit Hölzenbein-Reisen, dem Bus-Unternehmen des Bruders von Eintracht-Legende Bernd, nach London gereist. Kai Schwindt erinnert sich an eine „kunterbunte gemischte Truppe mit vielen Eintracht-Fans“. 129 Mark zahlte er, die Kosten für die Eintrittskarte zum Finale nicht miteingerechnet. Früh morgens ging es in Frankfurt los, eine Stunde nach dem Spielende wieder zurück. Gefeiert wurde im Bus.

Bei fünf weiteren Europameisterschaften erlebte er deutsche Spiele in den Stadien. Das Finale 1996 war wegen des Sieges das bedeutendste EM-Erlebnis für ihn. Sein schönstes EM-Spiel erlebte er 20 Jahre später. Euro 2016, Halbfinale in Marseille, Deutschland gegen Frankreich. „Da war ich mir einer französischen Freundin. Das brachte noch mehr Rivalität. Sie hatte den besseren Ausgang. Dennoch war es für mich das individuellste und schönste EM-Spiel.“

EM 2012 hat der Hanauer in besonders guter Erinnerung

Tolle Erinnerungen hat Kai Schwindt auch an die EM 2012, wo er gemeinsam mit seinem Bruder Patrick eine Woche im Camp des Fanclubs der Nationalmannschaft auf der Halbinsel Hel in der Nähe von Danzig verbrachte. Der Hanauer erinnert sich an Tagestouren zu den Spielen. „Alles war super organisiert. Vom Erlebnis her war das die schönste EM.“ Auch zum Halbfinale gegen Italien, das verloren ging, war er nach Warschau geflogen.

Aus Wettersicht war für Kai Schwindt die EM 2004 in Portugal einprägend. „Und auch, weil ich durch Teamchef Rudi Völler noch mal einen anderen Hanauer Bezug hatte.“ 14 Tage verbrachte er mit Freunden in Portugal – ohne sportlichen Erfolg. In Porto sah er die beiden Unentschieden gegen die Niederlande und Lettland. Nach der Vorrunde musste Völlers Team abreisen. Bitter war auch die deutsche 0:3-Schlappe bei der Euro 2000 in Rotterdam gegen Portugal, die Kai Schwindt im Stadion mit ansehen musste. Erfolgreicher war sein Ausflug 2008 nach Klagenfurt. Morgens fuhr er mit dem Auto in Hanau los, sah sich den 2:0-Sieg über Polen live an und stieg direkt wieder ins Auto. „Zwischendurch habe ich am Straßenrand mal vier Stunden geschlafen.“

Sieben Tore konnten DFB-Rückkehrer Thomas Müller und Co. bei der EM-Generalprobe am Montagabend in Düsseldorf gegen Lettland bejubeln.

Ob er in diesem Jahr wieder EM-Spiele live sehen kann, ist noch nicht klar. „Eigentlich wollte ich vor zwei Jahren für knapp 2000 Euro Tickets in England, Italien und Deutschland bestellen“, erzählt der 54-Jährige. Bei der Uefa steht er auf der Warteliste. „Ich bin DFB-Fanclub-Mitglied der ersten Stunde. Eventuell habe ich darüber noch Chancen.“

Die deutsche Mannschaft ist für Kai Schwindt eine Wundertüte. „Ich tippe, dass eine Mannschaft, mit der man nicht rechnet, weit nach vorne kommen wird. Und ich tippe, dass die Mannschaften, die sich in unserer Gruppe durchsetzen, ins Finale kommen.“ Europameister Portugal mit Weltstar Cristiano Ronaldo und Weltmeister Frankreich mit Toptalent Kylian Mbappe sowie der große Außenseiter Ungarn sind beim letzten Turnier des scheidenden Bundestrainers Joachim Löw die deutschen Gegner in der Fußball Arena München. Kai Schwindt freut sich über die Rückkehr von Mats Hummels und Thomas Müller. „Sie bringen Stabilität.“ Das Fehlen von Julian Draxler im EM-Kader bedauert er: „Das ist ein Grenzfall.“

Kai Schwindt nennt vier Titelkandidaten

Einen klaren Topfavoriten für den Titelgewinn der ersten paneuropäischen Europameisterschaft kann der 54-Jährige nicht ausmachen: „Es wird sicher wieder eine der Mannschaften, die in den vergangenen Jahren die Titel ausgemacht haben. Deutschland, Italien, Spanien oder Frankreich.“ Titelverteidiger Portugal und England schließt er aus. „Die Engländer spielen zwar gut, aber scheiden wieder im Elferschießen aus“, meint er mit einem süffisanten Lächeln.

Und Kai Schwindt kennt sich in der Fußballwelt aus. Über 1000 Spiele hat der Flugbegleiter live in den Stadien gesehen. Er besitzt über 30 000 Autogrammkarten und hat sich ein eigenes Fußball-Museum geschaffen. Die 30 Quadratmeter große Dachgeschosswohnung seines Hauses in Hanau ist etwas für Fußball-Liebhaber. Gläser, Münzsammlungen, Schuhe, alte Fußbälle und allerlei Kuriositäten sind dort zu sehen.

Neben den sechs Europameisterschaften war Kai Schwindt auch bei sechs Weltmeisterschaften live dabei. Falls der fußballverrückte Hanauer in den kommenden Wochen wieder auf EM-Tour geht und seinen bisher etwa 100 Länderspielen weitere hinzufügt, kann er nicht nur viele neue Erinnerungen, sondern vielleicht auch weitere Andenken für sein einzigartiges privates Fußball-Museum sammeln. (Von Thorsten Jung)

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